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Gender-Forscherin verhaftet : Opfer eines verschärften Kulturkampfes

  • -Aktualisiert am

Die Anthropologin Homa Hoodfar forscht zur Genderfrage im Islam. Bild: AP

Feministische Verschwörung? In Iran ist die kanadische Gender-Forscherin Homa Hoodfar ohne Begründung in Haft. Wissenschaftler fordern international mit einer Petition ihre Freilassung.

          3 Min.

          Der Fall der kanadisch-iranischen Anthropologin Homa Hoodfar, die seit ihrer Verhaftung am 6. Juni im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis einsitzt, sorgt international für Empörung. Die fünfundsechzig Jahre alte emeritierte Professorin von der Concordia-Universität in Montreal war im Februar dieses Jahres zu einem privaten Besuch nach Iran gereist, den sie auch für Recherchen in der Bibliothek des iranischen Parlaments für eine historische Studie über Frauen in der iranischen Politik nutzte. Ihr Aufenthalt fiel zusammen mit den Wahlen im Land und einer dort rege geführten Diskussion über die Politikbeteiligung von Frauen – bei dieser jüngsten Parlamentswahl ist mehr als einem Dutzend reformorientierter Politikerinnen der Einzug ins iranische Parlament gelungen, wo jetzt zum ersten Mal seit der islamischen Revolution von 1979 die Zahl der weiblichen Abgeordneten die der Geistlichen übersteigt.

          Da die in Kanada lebende Wissenschaftlerin auch in Iran als internationale Kapazität auf dem Gebiet Gender und Islam bekannt ist, nutzten einige iranische reformorientierte Medien die Gelegenheit, sie zu interviewen. Kurz vor ihrer geplanten Heimreise Anfang März wurde Homa Hoodfar verhaftet. Man durchsuchte das Apartment, in dem sie während ihres Iran-Besuchs wohnte, und beschlagnahmte ihren Laptop und ihr Mobiltelefon. Es gelang ihr zwar, auf Kaution vorläufig freizukommen, aber da die Behörden auch ihren Reisepass konfisziert hatten, konnte sie das Land nicht mehr verlassen. Wiederholt wurde sie von Geheimdienstlern der Revolutionsgarden verhört. Zu diesem Zweck wurde sie auch Anfang Juni ins Evin-Gefängnis vorgeladen, wo sie seitdem festgehalten wird.

          Exemplarische Nutzung als Mahnmal

          Homa Hoodfars in Montreal lebende Nichte Amanda Ghahremani, die eine internationale Kampagne für die Freilassung ihrer Tante koordiniert, erklärte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die iranischen Behörden seit der Internierung der Wissenschaftlerin im Evin-Gefängnis keinerlei Kontaktaufnahme erlauben. Auch sei kein konkreter Grund für ihre Verhaftung angegeben worden. Da Frau Hoodfar an einem Nervenleiden erkrankt ist und ihre Medikamente nicht erhalte, sei ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet.

          In einer Petition, die mehr als viertausend Intellektuelle aus zahlreichen Ländern, darunter auch der türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk sowie knapp dreißig in Deutschland wirkende Wissenschaftler, unterzeichnet haben, wird die sofortige Freilassung der Anthropologin gefordert. Ihre Inhaftierung, heißt es darin, sei ein klarer Verstoß gegen die akademische Freiheit, die auch der iranische Staat anerkenne. Seit drei Monaten versuche die Spionageabwehr der Revolutionsgarden, ohne dass irgendein Beweis angeführt werde, einen Fall gegen die Professorin zu konstruieren. Ihre Verhaftung, so die Petitionsautoren, deute auf eine neue Kampagne hin, die zum Ziel habe, auch andere Wissenschaftler, die sich mit Iran beschäftigten, ins Visier zu nehmen und einzuschüchtern.

          Homa Hoodfar, die neben der iranischen und kanadischen auch die irische Staatsangehörigkeit besitzt, hat in den vergangenen Jahrzehnten Feldforschungen über die gesellschaftliche Lage von Frauen in einer ganzen Reihe islamischer Länder betrieben. Iran ist nur eines davon. Auch über Musliminnen im Westen hat die Sozialanthropologin gearbeitet. So wies sie bereits 1992 in einem richtungweisenden Aufsatz darauf hin, dass die westliche Assoziation des islamischen Kopftuches ausschließlich mit Repression als Vorurteil einzustufen sei.

          In den neunziger Jahren folgten Studien über den Umgang iranischer Frauen mit der Bevölkerungspolitik des postrevolutionären Iran. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten forschte Homa Hoodfar immer wieder über Frauenbewegungen in der islamischen Welt. Als Mitglied des internationalen Forscherinnen-Netzwerks „Frauen unter islamischem Recht“ (Women Living Under Muslim Laws, WLUML) befasste sie sich auch mit Frauenrechten in muslimischen Ländern.

          Kaveh Ehsani, Soziologe und Exiliraner, der in Chicago als Professor tätig ist und an der Unterstützungskampagne für Homa Hoodfar mitwirkt, sagte gegenüber dieser Zeitung, dass die Anthropologin niemals als politische Aktivistin aufgetreten sei. Ehsani meint, dass erzkonservative Kreise in Iran ihr in absurder Weise die Beteiligung an einer „feministischen Verschwörung“ gegen das Regime anzulasten versuchten, hinter der sie das Forscherinnen-Netzwerk WLUML vermuteten. Dies tat kürzlich das iranische Internetportal „Mashregh News“, das Ehsani zufolge den Revolutionsgarden nahesteht. Womöglich ist Homa Hoodfar zwischen die Fronten eines Kulturkampfes geraten, der nach dem Erstarkens des reformistischen Lagers in den letzten Wahlen an Schärfe zugenommen hat.

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