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Gemeinschaftsfragen : Überlasst Europa nicht den Technokraten!

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Wer zahlt`s? Die Technokraten haben sich im Dschungel der Europäischen Währungsunion verheddert Bild: dpa

Geld ist da, aber es fehlt den Technokraten an Empathie und an einem Bewusstsein für unser gemeinsames Schicksal: Wie die Europäische Union ökonomisch auf den Hund gekommen ist.

          Die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik sei in Gefahr, meint der Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Der Luxemburger Premier und Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, weckt Zweifel an der Auszahlung der nächsten Tranche des Internationalen Währungsfonds (IWF). Welcher Bürger in unserem Land versteht schon, worum es in der Griechenland-Krise ökonomisch geht? Wer weiß schon, was mit der Geldpolitik gemeint ist, die der Bundesbankpräsident in Gefahr sieht? Oder welche Bedingungen der IWF für die Auszahlung seiner Kredite ansonsten formuliert?

          Von der Wiege des Abendlandes redet allerdings niemand mehr. Bei den Menschen kommt nur eines an: Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Jeder weitere Cent an Athen ist einer zu viel. Die Empörung über den hellenischen Schlendrian mischt sich dabei mit der Wut auf die Banken. Warum soll der deutsche Steuerzahler die Institute heraushauen, die die Party der Griechen finanziert haben? Diese explosive Mischung bestimmt die öffentliche Debatte.

          Die Euro-Krise ist den Akteuren in der EU längst aus dem Ruder gelaufen

          Die europäischen Technokraten, ob aus Brüssel, Frankfurt oder Berlin, haben sich hoffnungslos im Dschungel der Europäischen Währungsunion verheddert. Dabei war es ihr Projekt gewesen. Die Wiege der Europäischen Union ähnelte dem Bett des Prokrustes. Dieser hackte seinen Gästen die Beine ab, wenn das Bett für sie zu klein war. Aus dieser Perspektive wurde auch Europa begriffen. Was national nicht passte, musste für den Binnenmarkt passend gemacht werden. Immerhin senkte das zugleich die Transaktionskosten für Unternehmen und Kunden in Europa.

          Auch wenn spanisches Gemüse nun doch nicht als Ehec-Erreger in Frage kommt - die Gurken werden bald vergessen sein

          Mittlerweile passt nichts mehr. Die Euro-Krise ist den Akteuren in der EU längst aus dem Ruder gelaufen. Egal, was man auch tut - niemand kann die Folgen seriös abschätzen. Die Technokraten sind nicht schlauer als der früher so genannte Mann auf der Straße, den man heute bevorzugt in den Weiten des Internets findet; sie haben ihre Autorität verloren. Mittlerweile drohen selbst spanische Gurken zu einem unüberwindbaren Hindernis zu werden.

          Unsere Generation hat gar nichts erlebt

          Was lernen wir daraus? Bisher noch nichts. Dabei wäre die Antwort so einfach: Mit Technokraten kann man weder einen Staat noch ein gemeinsames Europa bauen. Es fehlt die Legitimation. Legitimation? Man hört förmlich, wie die Hirne der Technokraten Zahlen produzieren. Sie verstehen darunter die Daten aus den Meinungsumfragen und hoffen ansonsten auf das schlechte Gedächtnis der Bürger. Schließlich werden die spanischen Gurken bald wieder vergessen sein und Ehec nichts als eine unverständliche Abkürzung. Zur Not greifen sie auch noch auf die Rhetorik der europäischen Gründerväter zurück.

          Dann ist vom europäischen Gedanken oder vom Friedensprojekt Europa die Rede. Wenn allerdings Konrad Adenauer und Charles de Gaulle darüber geredet hatten, wusste jeder, was damit gemeint ist: die Zuhörer hatten noch die beiden Kriege erlebt. Es war mehr als eine Parole. Unsere Generation hat gar nichts erlebt. Hier liegt das Problem.

          Geschichte bedeutet Empathie

          Erst so konnte das gemeinsame Europa auf den ökonomischen Hund kommen. Man meinte, Legitimation durch das technokratische Kauderwelsch von Ökonomen erzeugen zu können. Man ruinierte den Begriff zu einem Produkt mit hübscher Verpackung, wenig Substanz und viel Luft. Legitimation schafft aber vor allem eine Einsicht: das Bewusstsein von einem gemeinsamen Schicksal. Daran fehlt es. Uns sind die Griechen so egal wie die Portugiesen. Die Wiedervereinigung in Deutschland hat dagegen eines bewiesen: was das Bewusstsein von einem gemeinsamen Schicksal zu leisten vermag.

          Wir haben in diese Einheit in den vergangenen zwanzig Jahren mehr Geld investiert, als in Europa je zur Debatte stehen könnte. Die Deutschen haben das akzeptiert, trotz aller Diskussionen über die Verteilung der Lasten. Gerade Oskar Lafontaine musste damals erleben, was Geschichte bedeutet: Empathie. Er formulierte 1990 gute ökonomische Gründe gegen eine frühe Währungsunion, aber er konnte den Ostdeutschen nicht das Gefühl vermitteln, ihre Lage zu verstehen: dass sie trotz aller absehbaren Probleme zu uns gehören und warum die deutsche Einheit mehr ist als ein gemeinsamer Markt. Empathie war stärker als die technokratische Frage, wie man eine Währungsunion macht.

          Sie haben uns ein Surrogat für Politik angeboten

          Wir sollten uns nichts vormachen: Nichts davon ist heute in der Europadebatte zu sehen, weder das Bewusstsein von einem gemeinsamen Schicksal noch die Empathie für die Menschen in Südeuropa. Die meisten Deutschen bringen andere Gefühle zum Ausdruck, etwa ihre Verachtung für die Griechen. Gleichzeitig grassiert das Misstrauen gegen die Technokraten, die heute den europäischen Gedanken verwalten. Deren Nutzenkalküle könnten den Bürgern wenig nutzen, so ihre Vermutung. Sie sehen bei den Eliten Prokrustes am Werk.

          Die Europäische Union als Elitenprojekt ist gescheitert. Die Technokraten haben uns ein Surrogat für Politik angeboten, und daraus mag alles Mögliche entstehen. Eines aber mit Sicherheit nicht: die Legitimation für ein gemeinsames Europa und der Grund, warum wir für Griechen oder Portugiesen Mitgefühl empfinden sollen. Wir wollen nicht mehr für sie einstehen? Dann lassen wir es endlich. Die Griechen können aber auch einseitig ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Ihnen kann Europa schließlich genauso egal sein wie uns.

          Welche Folgen das hat? Eine auf jeden Fall: Auch unsere Generation wird endlich das Wort „Erlebnis“ begriffen haben, das, die Frage nach spanischen Gurken zu beantworten. Wir werden auf den Trümmern Europas erleben, was Schicksal heißt und warum man mit Technokraten kein Europa machen kann. An Empathie wird es übrigens danach nicht mehr fehlen. Die liefert das Schicksal frei Haus.

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