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Geistlicher Missbrauch : Satanische Abgründe

Vertrauliches durchs Gitter: Im Mittelraum des Beichtstuhls hört der Priester das Bekenntnis Bild: Roger Hagmann

„Warum ist das ausgerechnet mir passiert?“ Eine Online-Tagung der katholischen Kirche fragt nach manipulativen Strategien gefährlicher Seelenführer.

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          Zu Recht sagte Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen: „Das macht sprachlos. Das macht wütend. Das macht betroffen.“ Er bezog sich damit auf beklemmende Berichte von zwei Betroffenen, die jahrelang jeweils einer der sogenannten neuen geistlichen Gemeinschaften angehört hatten und dies auf der von Arnold in Leipzig mit ausgerichteten digitalen Tagung „Gefährliche Seelenführer?“ im Rückblick als ein Leben im Gruselkabinett darstellten (strukturelle Fremdbestimmung, subtiles Kontrollsystem, Institutionenwohl untergräbt das Wohl der Einzelnen).

          Nicht zum sexuellen Missbrauch sei es dort gekommen, wohl aber zu einer manipulativen Enteignung persönlicher Freiheit im Namen Gottes. Man habe ein Leben im Zeichen des Pelagianismus, des religiösen Leistungsdenkens, geführt. Die Namen der in Rede stehenden Gemeinschaften wurden bedauerlicherweise nicht offengelegt. Die beiden Betroffenen nehmen sich jedenfalls retrospektiv als Opfer von geistlichem Missbrauch wahr, wobei es sich hierbei um einen „noch undurchsichtigen Bereich“ handele, für den es eine „umfassende Kriteriologie“ erst noch zu entwickeln gelte, wie Bischof Felix Genn, Vorsitzender der Kommission für „Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste“, den etwa vierhundert Tagungsteilnehmern erklärte.

          Selbstbestimmter Gehorsam

          Das paulinische Diktum „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galaterbrief 2,20), in dem sich über Jahrhunderte hinweg der Anspruch heiligmäßiger Biographien ausdrücke, könne bei unzureichender Freiheitsauffassung eben auch in satanische Abgründe führen. Im Blick auf Kriterien für Missbrauch ist damit freilich wenig mehr festgestellt als die Manipulationsanfälligkeit von Idealen jedweder Art. Dass die christliche Tradition der geistlichen Begleitung – früher auch Seelenführerschaft genannt – das Risiko einer angemaßten Autorität enthält, bei der es zur „Verwechslung von geistlichen Personen mit der Stimme Gottes“ (Klaus Mertes) kommt, dürfte kaum zu bestreiten sein, „vor allem im Blick auf neue geistliche Gemeinschaften und Orden“, wie Bischof Heinrich Timmerevers betonte.

          Dass Gehorsam andererseits zu den sogenannten evangelischen Räten gehört, in der Kirche also eine lange geistliche Tradition hat, wirft eher die Frage auf, worauf genau sich ein solcher frei gewählter Gehorsam bezieht und wie er im Rahmen einer qualifizierten geistlichen Begleitung selbstbestimmt gelebt werden kann.

          Verletztes Beichtgeheimnis

          Die Feststellung, hier werde Pastoralmacht im Sinne Foucaults ausgeübt, führt kriteriologisch nicht weit, solange nicht erkennbar Macht- und Amtsmissbrauch im Sinne einer autoritativen Übergriffigkeit im Spiel ist. Klassisches Beispiel ist die Verletzung des Beichtgeheimnisses als „forum internum sacramentale“, wie der Kirchenrechtler Gerhard Hörting sagte. Insoweit stelle „die Benutzung von Wissen aus der Beichte einen geistlichen Machtmissbrauch dar, selbst wenn dies zum Vorteil des zu Begleitenden geschieht“. Es gehöre zur bischöflichen Aufsichtspflicht, so Hörting, diesen und anderen Auswüchsen von Amtsmissbrauch etwa durch Prüfung der Statuten und Visitationen der geistlichen Gemeinschaften entgegenzuwirken.

          Es geht nicht darum, die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in Frage zu stellen, sondern nach deren persönlicher Disposition zu fragen. „Warum ist das ausgerechnet mir passiert?“, „Warum habe ich das so lange mit mir machen lassen?“ – auf der Tagung formulierte Fragen, zu denen es Forschung gibt. Sie wird etwa im Bericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ (Drucksache 13/10950) dargestellt, der sich auf wissenschaftlicher Basis auch mit Biographieverläufen in radikalisierten christlichen Organisationen befasst. Vor allem durchbricht er eine rein passivistische Perspektive zugunsten eines Verhältnisses der „Passung“ zwischen Institution und den Einzelnen, denen ein aktives Moment zugeschrieben wird.

          Bedürfnisse wie „Erwartung von Halt und Geborgenheit“ oder „Lösung persönlicher Probleme“ geben demnach den Ausschlag dafür, dass man sich zu einem gegebenen Zeitpunkt frei erfährt, um diese Selbstwahrnehmung später als Unfreiheit zu erkennen. Wobei objektive Übergriffigkeiten sich natürlich nicht im Präferenzwandel der Betroffenen verflüchtigen. Aber Kriterien für geistlichen Missbrauch sind, so legt es die religionspsychologische Forschung nahe, auch in der Persönlichkeit dessen zu suchen, der heute ablehnt, was er gestern bejahte. Das entschuldigt keinen Missbrauch, kann jedoch helfen, seine Dynamik besser zu verstehen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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