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„Judenstern“ : Blauer Stern im besetzten Polen

Der gelbe Stern, der einst blau war – und mit seinen Lettern die hebräische Schrift verhöhnt. Bild: dpa

Ein Aufsatz geht der Genese des „Judensterns“ nach – und bringt bislang kaum bekannte Fakten über das diffamierende Symbol ans Licht.

          3 Min.

          Dass politische Symbole und Zeichen ein Wegweiser für die Erkenntnis der Gedanken und Ideologien sind, die sich in ihnen ausdrücken, ja oft sogar den Königsweg der wissenschaftlichen Durchdringung darstellen, ist an sich bekannt. Und dennoch staunt man, wenn auf diesem Gebiet ein Bekanntes sich als noch gar nicht erkannt erweist und Neuland betreten wird. Dies ist der Fall bei einem hervorragenden Aufsatz von Harriet Scharnberg, der der symbolpolitischen Diskriminierung von Juden im deutsch besetzten Polen nachgeht („Der gelbe Stern, der blau war. Zur Kennzeichnung der Juden im Generalgouvernement“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 63, Heft 2, 2015). Die Autorin ist eine ausgewiesene Kennerin der Materie, derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation „Judenbilder in Photographien der Propagandakompanien der Wehrmacht“.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Hexagramm, der „Judenstern“, der 1941 in Deutschland und in den besetzten Gebieten als verpflichtend für Personen angeordnet wurde, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, war gelb, darin stand das Wort „Jude“ in schwarzen Lettern, die als Verhöhnung der hebräischen Schrift verstanden werden sollten. In Polen aber war die Besatzungsmacht unter Hans Frank vorausgegangen und hatte schon im Dezember 1939 die Kennzeichnungspflicht eingeführt – mit der charakteristischen Besonderheit, dass hier der Stern blau zu sein hatte.

          Zunächst aber fragt die Autorin, warum Gelb die verbreitetere Farbe war: „Tritt Gelb, Farbsymbol für Sonne, Gold und Neid und pejorativ auch für Judas und Juden, in Kombination mit Schwarz auf, gilt es, dem Vorbild der Natur (Bienen, Wespen etc.) folgend, als visuelles Warnsignal. Bis heute wird die Farbe zur ,Warnung‘ eingesetzt, man denke an die international standardisierten dreieckigen Symbole, die vor giftigen Stoffen, Strahlung und Hochspannung warnen sollen, aber auch an das die Aufmerksamkeit der Umwelt appellierende Blindenzeichen.“

          Blau und weiß als „jüdische Farben“

          Blau aber war der Stern in der zionistischen Bewegung offiziell seit dem September 1933, inoffiziell war er es schon lange gewesen. Dies hatte Hans Frank vor Augen: Die Anordnung der Pflicht zum Tragen einer weißen Armbinde (denn um eine solche handelte es sich im „Generalgouvernement“ zunächst) mit blauem Stern sprach ausdrücklich vom „Zionsstern“, nicht vom „Juden-“ oder vom Davidsstern.

          Hans Frank war von Haus aus Jurist. Die Gesetze, die der Nürnberger Parteitag der NSDAP 1935 verabschiedete, galten nicht nur der Frage der Staatsflagge (bis dahin hatte das alte Schwarz-Weiß-Rot des Kaiserreichs neben der Hakenkreuzfahne parallel existiert, nun, nach Hindenburgs Tod, wurde Eindeutigkeit hergestellt), sondern auch das „Blutschutz-“ und das „Reichsbürgergesetz“ (mit dem Ersteren wurde die Mischehe zwischen Juden und nichtjüdischen Deutschen verboten, mit dem zweiten wurde die jüdische Minderheit entrechtet). Juden wurde die Benutzung „deutscher“ Flaggen und Kennzeichen untersagt, dagegen sei den Juden „das Zeigen der jüdischen Farben gestattet. Die Ausübung dieser Befugnis steht unter staatlichem Schutz.“ Im Gesetzeskommentar von Wilhelm Stuckart und Hans Globke hieß es präzisierend: „Die Farben blau und weiß werden bis auf weiteres als jüdische Farben angesehen werden müssen.“

          Und doch gibt es auch in diesem an sich herausragenden Aufsatz eine historische Urteilsunsicherheit, wenn von Georg Kareski die Rede ist, dem Vorsitzenden der „Staatszionistischen Organisation“ in Deutschland, der dem nationalsozialistischen „Angriff“ ein Interview gegeben hatte. „Öffentlich“, so Harriet Scharnberg, „sah sich Kareski in dem Interview gezwungen, das Verbot der ,Mischehe‘ zu begrüßen.“ So intuitiv und spontan einleuchtend die Rede vom Zwang auch klingen mag, in diesem Fall geht sie an der Sache vorbei. Die merkwürdige Politik der „Staatszionisten“ Kareskis gegenüber dem NS-Regime hat vor 25 Jahren Francis R. Nicosia analysiert („Ein nützlicher Feind. Zionismus im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1939“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 37. Heft 3, 1989).

          Eine infame Strategie

          Im Gegensatz zur „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“, die mit dem Regime nur zögernd zusammenarbeitete, habe sich Kareski um eine „aktive Unterstützung der NS-Judenpolitik“ bemüht: „1934/35 beharrte er in öffentlichen Reden auf der Ansicht, ein Ende des jüdischen Lebens in Deutschland stelle eher eine positive denn eine negative Tatsache dar, erfülle sich damit doch eine Grundüberzeugung des Zionismus, die die Unterstützung der deutschen Juden verdiene.“ Nicosia kommentiert diese Position als die illusionäre Vorstellung, „dass es möglich sei, zwischen Zionismus und Nationalsozialismus – als zwei gleichberechtigten und gleichwertigen nationalen Bewegungen – eine tragfähige Arbeitsgemeinschaft herzustellen“.

          Spätestens die Besatzungspolitik unter Hans Frank machte diesen Illusionen ein Ende. Ein jüdisches Symbol wurde nun zur Diskriminierung und Verfolgung der Juden eingesetzt – und sollte dabei doch als „Zugeständnis“ erscheinen. Eine „infame Strategie“, wie Harriet Scharnberg zu Recht resümiert.

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