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Zum Tod von Leszek Kołakowski : Gegen die Selbstvergötterung des Menschen

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Leszek Kolakowski (1927-2009) Bild: dpa

Nach stalinistischen Anfängen wurde er zum Diagnostiker geschichtsphilosophischer Paradoxien innerhalb des kommunistischen Programms: Im Alter von 81 Jahren ist der polnische Philosoph Leszek Kołakowski gestorben.

          Fast wäre er der Nachfolger Adornos an der Frankfurter Universität geworden. Jürgen Habermas hatte ihn 1970 dafür vorgeschlagen, Max Horkheimer schien nicht abgeneigt. Aber die linken Studenten ahnten die Schmuggelware des „Revisionismus“, die ihnen bevorgestanden hätte, und verhinderten die Berufung. Tatsächlich war Leszek Kołakowski ja nach durchaus stalinistischen Anfängen im Nachkriegspolen zunächst nur als Diagnostiker jener feinen Haarrisse zwischen ethischem Anspruch und geschichtstheoretischen Gewissheiten im Beton der marxistischen Philosophie hervorgetreten, die dann allerdings breiter wurden und am Ende das ganze Haus zum Einsturz brachten.

          Kołakowski wurde 1927 in Radon geboren, die Familie war linksintellektuell und, wie es heißt, „freidenkerisch“. Er verlor seinen Vater, der von den Deutschen umgebracht wurde. Die Zeit der Besatzung verbrachte er bei Verwandten auf dem Land und hatte dort das Glück, auf eine große Hausbibliothek zu stoßen, deren Bände er nach und nach verschlang. Als der Krieg zu Ende war, schloss er sich der kommunistischen Jugend und dann auch der Partei an. Kołakowski wurde zum Wunderkind der marxistischen Philosophie.

          Zweifel am säkularen Heilsversprechen

          Diese Rolle verlangte ihm aber im sehr katholischen Polen einen weiteren Horizont ab, als im marxistischen Denken üblich war. Er musste sich mit den Theologen auf deren eigenstem Terrain messen können, wenn er seine Aufgabe erfüllen wollte. So kam es 1952 zu öffentlichen Disputen mit Jesuiten. Die Lehre von der Erbsünde, so Kołakowski damals, stehe dem freien, humanen Zugriff auf die Geschichte entgegen. Andererseits war in Polen auch der logische Positivismus mit einer starken autochthonen Schule vertreten, die zu studieren war. Man hat in einer Analyse von Kołakowskis Frühwerk vermerkt, dass zwei Drittel seiner philosophischen Arbeiten - natürlich polemisch - theologische Themen behandelten Probleme kreisten. Die Lektüre trug indes ungeahnte Früchte.

          1956 sprach Kołakowski bei einer Konferenz in Ostberlin über das „Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus“. Da kam es dann heraus, dass sein anfängliches Vertrauen in die Kraft der säkularen Heilsversprechen geschwunden war, und ein konsterniertes Auditorium musste sich anhören, auch im vollendeten Kommunismus, in der klassenlosen Gesellschaft, in der man jedem nach seinen Bedürfnissen Güter zuteile, werde es offene moralische Fragen geben, deren Beantwortung nicht an das Gemeinwesen delegiert werden könnte. Nun war die Katze sozusagen aus dem Sack. Immerhin erst 1966 wurde Kołakowski aus der Partei ausgeschlossen, 1968 ging er auf Einladung von Raymond Klibansky an die kanadische McGill-Universität in Montreal.

          Ein Intermezzo in Berkeley folgte. Seinen polnischen Pass behielt er. In seinem Werk - darunter finden sich die drei Bände der „Hauptströmungen des Marxismus“ - war er durchaus systematisch, aber wie es sich für einen zweifelnden Geist gehört, scheute er auch die Form des Essays und des Aphorismus nicht; sogar ein Drama hat er geschrieben.

          Farce der Geschichte

          Als die Frankfurter Projekte sich zerschlagen hatten, nahm Kołakowski einen Ruf nach Oxford an, wo er am All Souls College lehrte. Alles, was er seither dachte und schrieb, kreiste um den Begriff der Freiheit, den er nun ganz anders interpretierte als im autonomistischen Sinn seiner Jugend: Das Böse musste in die Denkbewegung aufgenommen werden. Theologisch dachte er insofern, als er von der Idee, dass Gott freie Wesen geschaffen habe, nicht ablassen wollte; von der harten Prädestinationslehre des Augustinus wollte er nichts wissen. Aber auch nichts von der „humanistischen“ Ideologie, die der Marxismus am Ende doch mit der Aufklärung teilte.

          Ein heute ganz vergessener deutscher Kommunist namens German Mäurer hatte 1851 das humanistische Credo verkündet: „Die Erbsünde aller Geschlechter ist aber, leider, die Unwissenheit, und nur die Wissenschaft hat die messianische Bestimmung - an ihnen das große Werk der Erlösung zu vollenden.“ Man könnte die Ideenwelt, gegen die sich Kołakowski Lebenswerk aufrichtete, nicht genauer umschreiben. Der Selbstvergötterung des Menschen, so Kołakowski, habe der Marxismus den gültigen philosophischen Ausdruck verliehen. Auch diese Idolatrie ende „wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.“ Am 17. Juli ist Leszek Kołakowski in Oxford gestorben.

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