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Zum Tod von Karlheinz Barck : Surrealistisch in Berlin

Karlheinz Barck (1934 - 2012) Bild: Foto privat

Von La Bruyère über Gracián bis zum Surrealismus: Der Romanist Karlheinz Barck ist am vergangenen Samstag verstorben.

          Wie kam ein Mann vom Jahrgang 1934, geboren in Quedlinburg, der im Osten Berlins sein Studium begann, ausgerechnet auf André Breton und Louis Aragon? Man weiß, dass nach der Promotion zu seinen Lehrern und Vorbildern auch der legendäre Werner Krauss gehörte, und so ist eine der Ursachen schon geklärt. Denn Krauss waren die Avantgarden der Zwischenkriegszeit gegenwärtig, auch wenn seine eigenen Forschungen eher der französischen Aufklärung und dem goldenen Zeitalter der spanischen Literatur galten. Darüber hinaus aber hat Karlheinz Barck selbst einen Hinweis gegeben. Das „zerbombte Berlin“, schrieb er einmal, erinnerte vor allem anderen an eine „surrealistische Landschaft“.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Er zitierte aus den Erinnerungen von Heinz Trökes. Bei einem Künstlertreffen, das ein Konsul Flemming in dem veranstaltete, was von seiner Wohnung übrig war, wurde ein Gast gebeten, in der „Speisekammer“ nachzuschauen: „Und dann machte man die Tür auf, da konnte man einen Stock tiefer gucken und da war ein Toilettenbecken, in dem ein so großer Kürbis wuchs. War schon gelb.“ Barck schloss daraus, dass die Ästhetik des Unerwarteten sich historisch weiter zuspitzen ließ auf reale Erschütterungen und Traumata. Es blieb nicht die einzige Umakzentuierung, die Barck an der Tradition des Surrealismus vornahm: Großes Gewicht legte er auf die ethnologischen Interessen des Kreises um Breton, in denen er eine frühe Kritik des Eurozentrismus sah.

          Ein Quellenwerk zum Surrealismus

          Einfach kann es in der DDR nicht gewesen sein, die avantgardistischen Ideen der „Überschreitung“ wieder ins Gespräch zu bringen. Erst in der Endphase, 1986, gelang es Barck, ein umfangreiches und ungemein schön gestaltetes Quellenwerk im Leipziger Reclam Verlag herauszubringen, das bis heute den Standard markiert: „Surrealismus in Paris 1919 bis 1939. Ein Lesebuch“.

          Schließlich hat sich dieser Gelehrte in hohem Maß um die Geschichte seines Fachs verdient gemacht. Über Werner Krauss, der auch ein Enkelschüler von Erich Auerbach, dem Verfasser von „Mimesis“, war, fand er Verbindung zu einer ganzen geistigen Konstellation der zwanziger Jahre. Und es war eine sinnreiche Idee, die kleine, aber sehr feine Festschrift zu Barcks siebzigstem Geburtstag als ein „Auerbach Alphabet“ zu entwerfen. Der Artikel „Geistreich“ gab eine Begriffsgeschichte von La Bruyère und Gracián bis zum Surrealismus, um dann zu dem Schluss zu kommen, das Wort bezeichne wie kein anderes „das Naturell von Carlo Barck“. Am vergangenen Samstag ist Karlheinz Barck gestorben.

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