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Zum Tod von Alice Miller : Misshandlung überall

Ihr Buch „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst” brachte 1979 den Durchbruch: Alice Miller (1923 bis 2010) Bild: dpa

Wer sein frühes Leid bestreitet, flieht nur vor ihm: Die Psychoanalytikerin Alice Miller kehrte ihrer Zunft den Rücken und landete als Kindheitsforscherin mit ihren Büchen Welterfolge. Nachruf auf eine Frau von ungewöhnlicher Antriebskraft.

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          Am Anfang ist das Kindheitstrauma. Die große publizistische Qualität der in Lemberg geborenen Schweizer Autorin Alice Miller lag in ihrer Fähigkeit zur hemmungslosen Vereinfachung komplexer entwicklungspsychologischer Konstellationen. Die Durchschlagskraft von Büchern wie „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ oder „Die Revolte des Körpers“ verdankt sich ihrer unbeirrbar reduktionistisch verfahrenden Aggressivität.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Feindbild ist klar definiert: eine Psychoanalyse, die die schlimmen Kindheitserfahrungen eher verdecke als ans Tageslicht bringe, weil sie in der Folge von Freuds Triebtheorie das Körpergedächtnis korrumpiere und das früh erfahrene Leid als Phantasie abtue. Freuds Sündenfall sei die Abkehr von der Verführungstheorie gewesen. Demnach beruhten Erinnerungen an sexuelle Übergriffe durch Familienangehörige meistens nicht auf Tatsachen, sondern auf ödipalen Wunschphantasien - für die damalige Psychoanalytikerin Miller ein Grund, ihrer Zunft den Rücken zu kehren. 1988 trat sie aus der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus, wollte nicht mehr als Psychoanalytikerin etikettiert werden und bezeichnete sich fortan als Kindheitsforscherin. Sie schrieb zwölf Bücher, die in dreißig Sprachen übersetzt wurden.

          Warum James Joyce an den Augen operiert wurde

          Darin durchforstet Miller, die auch in Philosophie und Soziologie promoviert war, die geschichtliche und literarische Welt nach Belegbiographien für ihre Generalthese. Jede destruktive Geisteshaltung sollte auf physische oder psychische Misshandlung zurückgeführt werden. So hat sich, wie es in „Die Revolte des Körpers“ heißt, Virginia Woolf umgebracht, weil sie durch die Schriften Freuds an ihren Missbrauchserfahrungen irre geworden war; Joyce musste sich etlichen Augenoperationen unterziehen, weil er nicht sehen durfte, dass sein Vater ein gewalttätiger Trinker war; und Kafka starb an den Folgen einer Tuberkulose, weil seine Mutter den „Brief an den Vater“ nicht weitergeleitet hatte - ein Deutungsmonismus, der an Wahn grenzt und von Miller selbst als notwendiger Alarmismus verteidigt wurde, um die Leser aufzurütteln und neuen Traumata vorzubeugen.

          Einwände, dass man doch nicht gegen die Lebensberichte Kinderleid unterstellen dürfe, parierte Miller mit dem Hinweis, das Leid sei immer dort am schlimmsten, wo es abgespalten, verdrängt und also heute nicht mehr erinnert werde. Der Gesunde ist demnach unter den Kranken derjenige, der am schlimmsten dran ist. Wer sein frühes Leid bestreite, fliehe vor ihm. Und diese Flucht finde ihren Ausdruck in Formen der Selbstentfremdung, die sich unter anderem als Philosophie oder Literatur tarnten. Von diesem Punkt an nimmt der Pathologiezusammenhang, den Miller behauptet, einen ungeschminkt totalitären Zug an. Es gibt schlechterdings nichts, das der Kindheitsfalle entkommen kann. Die Frage ist bloß noch, ob die frühen Verletzungen in entdeckter oder unentdeckter Form überdauern.

          Die Verstörung kultivieren, nicht therapieren

          Caroline Neubaur hat die Irrtümer der Alice Miller konzise zusammengestellt. Dazu gehört, dass entgegen Millers Unterstellung Freud die Verführungs- und Traumatisierungstheorie nie aufgegeben habe. Hätte Miller, so Neubaur, ihre Sache, die Sache des Kindes, voranbringen wollen, dann hätte sie etwa mit der Frankfurter Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber kooperieren können, die in einer breitangelegten Studie herausfand, dass sechzig Prozent aller Patienten als Kinder traumatisiert wurden.

          Alice Miller gehörte zu den bewundernswert Besessenen. Ihre Antriebskraft verdankte sich einer lebenslangen Verstörung, die sie als Quelle ihrer Produktivität nicht etwa therapieren, sondern kultivieren wollte. Wie jetzt bekannt wurde, starb sie am 14. April im Alter von 87 Jahren.

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