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Zum Tod Eric Hobsbawms : Eine Klasse für sich

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Eric Hobsbwam starb im Alter von 95 Jahren Bild: dpa

Wie es sich bei einem so produktiven und schalkhaften Universalhistoriker gehört, ließen sich zu jeder seiner Position zahlreiche Gegenargumente in seinem Werk selbst finden: Zum Tod Eric Hobsbawms.

          4 Min.

          Eric Hobsbawm starb am Montag als hochgeehrter Mann. Längst wurde er routinemäßig als der berühmteste Historiker der Welt vorgestellt, es gab eigentlich kein Feld menschlicher Tätigkeiten, zu dem er nicht etwas zu sagen gewusst hätte, von den Speisezetteln der mittelalterlichen Mandschurei über die Feinheiten des finnischen Parteiensystems zu den Nuancen gegenwärtiger Interpretationen von Jazzstandards, er konnte immer etwas beitragen - der perfekte universalhistorische Telefonjoker. Und was wurde er gefragt, besucht und interviewt, mit den Jahren pilgerten die Zeitgenossen zu seinem Londoner Haus in Hampstead Heath wie zu einem modernen Orakel.

          Unsere Zeit verehrt die Intellektuellen der Altersklasse Neunzig plus auf dieselbe hingebungsvolle, emotionale und rückhaltlose Art, mit der in den 1970er Jahren einem John Lennon gehuldigt wurde. Man möchte die Gegenwart von ihnen gelesen bekommen, man möchte, dass sie aus dem Strom der Ereignisse die Zeichen herausfiltern und für uns deuten. Hobsbawm hat das oft und gern gemacht, wenn man seine Interviews nachliest, erkennt man seinen spezifischen Stil. Er wusste genau, was die jungen Besucher von ihm wollten, wie übermäßig ihre Erwartungen waren - und dann ließ er ganz einfach die Luft heraus. War jemand romantisch-revolutionär gestimmt, verwies Hobsbawm nicht etwa auf Subcomandante Marcos, sondern auf die Europäische Union als derzeit aktivsten Agenten der Revolution, denn dass europäisches Recht nationale Gesetze aushebele, das habe es zu seiner Zeit nicht gegeben.

          Liberalen, bürgerlichen Gästen pries er hingegen sehr gern das Gefühl der Ahnung einer gewaltsamen Umverteilung, und wer aber in aktivistischen Absichten, etwas im Hinblick auf geschichtspolitische Initiativen wie Gedenkstätten, Mahnmale oder so kam, dem wurde beschieden, Geschichte sei etwas für Historiker und eine Wissenschaft, die es mit Fakten, nicht mit Feelings zu tun habe. Und wie es sich bei einem so produktiven und schalkhaften Universalhistoriker gehört, ließen sich zu jeder Hobsbawmschen Position zahlreiche Gegenargumente im Hobsbawmschen Werk selbst finden.

          Rechtfertigt der Fortschritt Millionen Tote?

          Hobsbawm, 1917 in Alexandria geboren, gehörte der Generation der kühlen Männer an. Das kennzeichnete ihn auch noch in einer Zeit, in der Empathie und Individualismus tonangebend waren. Man merkte das in jener legendären BBC2-Sendung aus dem Jahre 1992, als er auf die Frage, ob denn die von ihm erkannten Menschheitsfortschritte durch die Sowjetunion diese Millionen Toten rechtfertigten, mit einem knappen „Ja“ antwortete.

          Später hat er einige Mühen darauf verwenden müssen, dieses „Ja“ mit seinen biographischen Formationen und Deformationen noch in ein recht eigentliches „Nein“ umzudeuten, aber es blieb ein Moment der Wahrheit. Hobsbawm wollte das nette postmoderne Publikum an eine bittere Wahrheit seines Lebens erinnern: Historische Veränderungen, die es zweifellos gab und gibt, ergeben sich nicht einfach aus ihrer objektiven Wünschbarkeit, sondern nach langem, zähem Kampf.

          Er hätte den treuen Bekundungen heutiger Politiker, die im Angesicht überwältigender materieller Interessen der Finanzbranche davon sprechen, die solle sich selbst mäßigen oder irgendwie von allein zur Vernunft kommen und Exzesse abstellen, sein keckerndes Lachen entgegen- schallen lassen. Er hat noch gelernt, dass Interessen und Mächte die Geschichte gestalten, nicht Predigten oder Appelle. Mit der ihm wohl schon an der Wiege gelegten Fähigkeit zur treffenden Pointe verglich er 2009, im Gespräch mit Arno Luik, die gipfelstürmenden Aktivitäten von Merkel, Brown und Co. zur Lösung der Finanzkrise wie folgt: „Aufgeschreckt wie Krankenschwestern eilen die Politiker ans Bett des Kapitalismus und tun so, als ob sie etwas täten.“ Legendär ist auch seine Charakterisierung des finanzfreundlichen Tony Blair als „Thatcher in Hosen“. Dabei unterschlug er freilich seine eigenen nennenswerten Beitrag zu dessen Beförderung, indem er in Artikeln und Interviews stetig gegen den unpopulären, unwählbaren linken Flügel von Labour polemisierte.

          Banditen der Vormoderne

          Wissenschaftlich gehört Hobsbawm in eine ganz eigene Kategorie, man könnte sagen, dass er mit wilder Entschlossenheit und heroischer Kühnheit eine weite Schneise schlug, die von nachfolgenden HistorikerInnen genutzt wurde - um Abzweigungen davon zu nehmen. Er hat die Kriminellen der ländlichen Unterschichten als Forschungsgegenstand etabliert, doch das einflussreichere Werk verfasste dann sein Genosse E.P. Thompson, der die Herausbildung der englischen Arbeiterklasse unter dem Prisma der Kultur beschrieb.

          Hobsbawms These von den Banditen der Vormoderne und beginnenden Industrialisierung als umverteilungspropagierenden, egalitär gesinnten Sozialrebellen hielt einer kritischen Überprüfung nicht stand. Er selbst stellte später eher den Charme einer solchen Idee in den Vordergrund, wenn er sein Kaleidoskop der Einzelfälle ins Licht der Robin-Hood-Geschichte hielt. Beeindruckend bleibt seine vierbändige Universalgeschichte der Moderne, man kann in diesem Punkt einmal dem Vielschreiber Niall Ferguson recht geben, wenn er sie den besten Einstieg in die moderne Geschichtswissenschaft nennt.

          Heute geht der Trend wieder zu solch großer Geschichtsschreibung, nachdem sehr lange die Fallstudie und die regionale oder sozial-spezifische Betrachtung en vogue waren. Ansteckend an Hobsbawm war sein manisches Interesse daran, Neues zu erfahren. Man konnte den greisen Pensionär auf Tagungen und Buchfestivals wie dem des „Guardian“ in Hay on Wye sehen, wo er und seine Frau, in praktische Windjacken gehüllt, den neuesten Erkenntnissen neurologischer Forschung lauschten.

          Und dann sind all die vielen Äußerungen und Beschäftigungen dieses sehr langen Lebens auf eine einzige Nacht zurückzuführen, jene des 23.Januars 1933 in Berlin. Der fünfzehnjährige Eric Hobsbawm, seit kurzem Vollwaise und erst seit zwei Jahren in der Stadt, nimmt an der letzten legalen Massenveranstaltung der KPD teil, hakt sich unter und singt mit den Genossen, singt Erich Weinert und Lieder aus dem Bauernkrieg. Diesen Moment der verzweifelten kollektiven Ekstase, dem er durchaus eine erotische Dimension zugestand, hat er nie überwunden. Er beeinflusste sein Urteil auch noch all die Jahre später, als er ja wusste, dass Moskau sehr bald die deutschen Genossen verraten hat und dass er selbst als angehender Intellektueller aus einer jüdischen Familie eine Zuflucht in das Mutterland des Kommunismus nicht überlebt hätte.

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