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Zum Tod des Soziologen Daniel Bell : Diagnostiker der Informationsgesellschaft

Links, liberal, konservativ: Daniel Bell (1919 - 2011) Bild: dapd

Die Zeitdiagnosen des Soziologen Daniel Bell waren Klassiker der siebziger und achtziger Jahre. Als einer der ersten prägte er das Schlagwort von der Informationsgesellschaft. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

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          Der Alkoven No. 1 unterhalb der Cafeteria des New Yorker City College in Shepard Hall war ein legendärer Ort. Um 1940 herum studierte am „CCNY“ eine Reihe von jüdischstämmigen jungen Männern, die gemeinsam die intellektuelle Szene der Vereinigten Staaten während der sechziger und siebziger Jahre bestimmen sollten. Irving Kristol, der Begriff und Sache des Neokonservatismus erfand, Irving Howe, der standhafte Zinnsoldat des amerikanischen Sozialismus, der Politologe Seymour Martin Lipset, der Organisationssoziologe Philip Selznick, Nathan Glazer, der mit David Riesman „Die einsame Masse“ und mit Daniel Moynihan „Beyond the Melting Pot“ schrieb, sowie Daniel Bell, dessen Bücher über „Das Ende der Ideologie“ (1960), „Die nachindustrielle Gesellschaft“ (1973) und „Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus“ (1976) zu Klassikern der Zeitdiagnostik geworden sind.

          Als sie sich im Alkoven No.1 trafen, um Tischtennis zu spielen oder die Welt durchzudiskutieren – „Arguing the World“ heißt der schöne Dokumentarfilm, den Joseph Dorman 1998 darüber drehte –, waren sie alle Trotzkisten. Die Sportler, die Katholiken, die Zionisten und die Stalinisten saßen in anderen Alkoven. Zum Alkoven No. 1, erinnert sich Kristol, wurde hinzugezogen, wer radikal sein und eine „Theorie“ haben wollte. Nur Daniel Bell sei schon damals gemäßigt gewesen, habe an die soziale Marktwirtschaft geglaubt und an eine Demokratie nach britischem Vorbild. Ihn habe man aufgenommen, weil er Theoriediskussionen wie ein türkisches Bad genoss und die radikalen Ideen oft besser durchdachte als ihre Anhänger. Wirtschaftlich ein Linker, politisch ein Liberaler, kulturell ein Konservativer, so hat sich Bell, der schon mit dreizehn Jahren in eine sozialistische Sonntagsschule ging, später selbst beschrieben.

          Fachmann fürs Generelle

          Am Dienstag ist nun mit Daniel Bell, der 1919 als Daniel Bolotsky geboren wurde und als Halbwaise aufwuchs, einer der letzten Angehörigen der Diskutierfamilie des Alkovens No. 1 in Cambridge (Massachusetts) gestorben, wo er seit 1970 an der Harvard-Universität Soziologie gelehrt hatte. Dem Temperament nach war Bell, der eine Zeitlang das Magazin „Fortune“ und die Zeitschrift „The Public Interest“ leitete, aber mindestens so sehr ein Journalist.

          Seine Zeitdiagnosen allerdings beruhten auf Lektüre und waren an Leser adressiert, die etwas für Argumente übrig haben, was man von diesem Genre ja nicht immer behaupten kann. Er habe sich auf Generalisierungen spezialisiert, sagte er einmal, und im Vorwort, das er mit Irving Kristol für das erste Heft von „The Public Interest“ schrieb, hieß es, die Ideologie sei natürlich interessanter, vor allem für Heranwachsende, aber man plane ein Journal für Erwachsene.

          Er hat sich nie ans Megfon verkauft

          In diesem Stil eines denkenden Zeitgenossen, der sozialen Wandel nicht mit rollenden Augen konstatierte und sich nicht ans Megafon verkaufte, analysierte Bell die eigentümliche Spannung zwischen den Motivgrundlagen kapitalistischer Berufsarbeit, wie sie Max Weber beschrieben hatte, und der Konsumwelt der fünfziger und sechziger Jahre, die sich mit ästhetischen Lebensentwürfen und einer alltagsfeindlichen Kultur vermischte. So prägte er auch als einer der ersten das Schlagwort von der Informationsgesellschaft, die entstehe, wenn sich die Ökonomie immer stärker auf Dienstleistungen, Ingenieurserfindungen und Forschung gründe.

          Er selbst hat alles getan, um diesen Begriff auch im Bereich des Spekulativen geltend zu machen: Es waren stets informative und auf Forschung gestützte Generalisierungen, zu denen er in seinen Zeitdiagnosen fand. Die Debatten im Alkoven No.1 mochten ihn früh gelehrt haben, dass man nichts behaupten soll, was einem sofort um die Ohren gehauen werden kann.

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