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Zum Tod des Historikers Tony Judt : Der Dissident des Zionismus

Tony Judt 1948 - 2010 Bild: AP

Kritiker linker Revolutionshoffnungen, Skeptiker des Zionismus, großer Historiker des europäischen Geistes: Der britische Ideengeschichtler Tony Judt ist im Alter von 62 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          Gedenken wir eines Mannes, dem die Ideologien irgendwann abhandenkamen. Eines großen Historikers erst der französischen Linken und später Europas und seiner Ideengeschichte, dessen Helden die Abtrünnigen waren, der in Arthur Koestler und Manes Sperber und Leszek Kolakowski, den Exkommunisten, die ihre frühere Sache mit guten Argumenten aufgaben, bessere geistige Muster sah als in jenen, die am pseudoreligiösen revolutionären Glauben wider alle Evidenz festhalten wollten: will sagen als Sartre und Louis Althusser.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Tony Judt war ja selbst aus diesem Skeptiker-, Renegaten- und Dissidenten-Holz geschnitzt, er selbst hatte sich für eine Sache engagiert, in der er, mit den Jahren deutlicher, nur mehr eine tiefe Fragwürdigkeit erkennen wollte. Diese Sache war der Zionismus. 1948 wurde Judt in London geboren. Er besuchte eine hebräische Schule und wurde in jungen Jahren zum Zionisten, In dieser Bewegung gab es traditionell mindestens zwei Flügel, einen mehr oder weniger sozialistischen und einen nationalistisch-„revisionistischen“ (so die Selbstbezeichnung), auf Wladimir Zeev Jabotinski zurückgehenden, aus dem sich Israels Rechte rekrutierte. Judt optierte für die sozialistische Version, engagierte sich in deren Jugendbewegung in Großbritannien und wurde dort auch Generalsekretär. Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 ging er nach Israel.

          Als ein Anderer, zweifelnd Gewordener kehrte er zurück. Den Sieg über die arabischen Armeen hat er sicher gewünscht, die Früchte des Sieges aber – er sprach von einem förmlichen „Triumphalismus“ gegenüber den Arabern – ließen seine ursprüngliche Sympathie bröckeln oder zur „kritischen Solidarität“ sich dämpfen. Der ideologische Knick mag momentan schmerzhaft sein, für einen Historiker aber gibt es keine besseren Lehrjahre. Am King’s College in Cambridge erhielt er 1972 seinen Doktorgrad im Fach Geschichte. Was das Zusammenleben mit den Palästinensern anging, so kam er am Ende zu der Ansicht, dass am ehesten das südafrikanische Modell für Israel taugen könnte.

          Das Problem kritischer Solidarität

          Das brachte ihm nicht nur Freunde ein. Als er vor drei Jahren den Hannah-Arendt-Preis erhielt, den das Land Bremen gemeinsam mit der grünen Heinrich-Böll-Stiftung verleiht, gab es harsche Proteste der örtlichen Jüdischen Gemeinde. Und schon vorher, im Oktober 2006, wurde ein geplanter Vortrag im polnischen Konsulat in New York drei Stunden vor Veranstaltungsbeginn wieder abgeblasen – das Thema hätte lauten sollen „Die Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik“. Schlimmer als mit dieser Ankündigung konnte man sich auch nicht in die Nesseln setzen. Nach Angaben des Veranstalters war es die immer rührige „Anti-Defamation League“ (ADL), die gegen Judt interveniert hatte.

          Es gab namhafte Intellektuelle, die sich daraufhin einem „Klima der Einschüchterung“ ausgesetzt sahen. Unter ihnen waren aber nun auch Leute, die keineswegs durchweg auf der Linie von Judt lagen, etwa Fritz Stern, Timothy Garton Ash, Leon Wieseltier, Mark Lilla und Richard Sennett. Der Streit mit Abraham Foxman, dem Chef der ADL, wurde unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit in der „New York Review of Books“ ausgetragen. Dass es sich bei den Protestierenden eben nicht um die üblichen Verdächtigen handelte, gab ihren Anliegen ein deutlich größeres Gewicht.

          Dabei war Judts Position zur amerikanischen „Israel-Lobby“ keineswegs radikal oder fundamentalistisch gewesen. Nur: Das Argument, man schade allein mit der Thematisierung eines Problems der guten Sache, spiele deren geschworenen Feinden in die Hände, müsse mit Beifall von der falschen Seite rechnen, und was dergleichen Vorsichtsrhetorik mehr ist – dies alles kannte Tony Judt natürlich aus der Geschichte der Linken, in der er zu Hause war wie kaum ein anderer. „Es ist eine Sache“, sagte er einmal, „den übermäßigen Einfluss einer Lobby zu beklagen, eine andere zu behaupten: ,Die Juden beherrschen das Land.’ Wir dürfen uns aber nicht allein deshalb selbst das Wort verbieten, weil es Menschen gibt, die das eine mit dem anderen verwechseln könnten.“

          Gegen den Strom

          In New York gründete und leitete Tony Judt das Remarque-Institut, eine geistige Europa-Lobby, wenn man so will. Frankreich blieb immer seine Liebe; dort, wo er auch zeitweise studiert hatte, waren ihm die Debatten, politisch wie ideengeschichtlich, bis in die feinsten Fasern vertraut. Aber Europa endete für ihn nicht am Rhein. Er konnte, gleichfalls in der „New York Review of Books“, über die belgische Krise schreiben, über eine Biographie zu Primo Levi, über die EU-Sanktionen gegen Österreich oder über die Memoiren von Eric Hobsbawm, und wer diese Essays wieder liest, hat erst eine Überraschung zu gewärtigen – da schwimmt wirklich einer gegen den Strom – und dann den Gewinn einer unendlich klugen, kenntnisreichen und abgewogenen Darstellung.

          Es wäre fatal, wenn der ADL-Eklat dazu führte, dass er als Historiker in den Hintergrund träte. Denn was er hier leistete, vor allem in Porträts der Intellektuellen, war meisterhaft, und sein unlängst erschienenes Buch, „Das vergessene zwanzigste Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen“ (2010), ist in den vergangenen Wochen vielfach gewürdigt worden. Am vergangenen Freitag ist Tony Judt in New York gestorben. Seine Stimme, die sich auf Zwischentöne verstand, wo oft nur das parteiliche Lärmen sich vernehmbar machen kann, wird fehlen.

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