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: Zu schön, um wahr zu sein

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Manche philosophischen Sätze komprimieren die Gewißheit ganzer Jahrhunderte und finden doch heute so gut wie keinen einzigen Verteidiger mehr. Ein solcher Satz, an dessen Geschichte sich Epochenabstände ...

          Manche philosophischen Sätze komprimieren die Gewißheit ganzer Jahrhunderte und finden doch heute so gut wie keinen einzigen Verteidiger mehr. Ein solcher Satz, an dessen Geschichte sich Epochenabstände messen lassen, ist der des Aristoteles, wonach das Wesen der Kunst darin besteht, "einerseits zu vollenden, was die Natur nicht zu Ende bringen vermag, andererseits die Natur nachzuahmen". Bis weit in die Neuzeit hinein hat er, der unter Kunst sowohl alles Künstliche und technisch Hergestellte als auch alles Künstlerische verstand, die Auffassung des schönen Werkes als einer Imitation von etwas, das ihm vorausgeht, bestimmt. Der Maler schaut auf das Modell oder die Landschaft, und an beiden erblickt er jene idealen Züge, die auszuprägen der Natur selber zwar nicht immer gelungen sein mag, auf die sie aber hinauswill. Der Komponist orientiert sich an Harmonien, die er seinerseits nicht erfunden, sondern gefunden hat: sei es in Zahlenverhältnissen, sei es in einer Lehre von der Auslösung moralischer Empfindungen durch Töne. Nachahmung sein zu sollen verpflichtete die Kunst also nicht auf Illusionismus oder Realismus. Entscheidend war vielmehr, daß sich im Kunstwerk wie in allem Gemachten das Bestreben zeigt, Urbildern nahezukommen, die selber nicht gemacht, sondern eben von Natur sind.

          In seinem ersten öffentlichen Vortrag zu ästhetischen Fragen überhaupt hat der Münchner Philosoph Robert Spaemann jetzt an der Universität Bochum diese Lehre auch der gegenwärtigen Kunsttheorie empfohlen. Und das, obwohl die moderne Ästhetik seit zweihundert Jahren gerade in der Ablehnung jenes Satzes ihr Fundament sucht. Das Kunstwerk, so ihr Credo, bedürfe zu seiner Herstellung vielleicht lernbarer Techniken, ziele aber seinem Wesen nach auf Einmaliges, Individuelles, das von Begriffen nicht erreicht wird und darum auch nicht durch handwerkliches Geschick imitierbar ist. Der Künstler blicke außerdem nicht vorrangig auf Dinge oder auf Ideen, sondern vor allem in sich hinein. Kunst ist darum nicht Darstellung von Welt, sondern von subjektiver Weltaneignung. Und schließlich: Sie schafft wesentlich Neues, bereichert die Welt um andere Welten, das Kunstwerk ist selber etwas und bedeutet nicht nur etwas anderes.

          Spaemann machte um diese Einwände einen interessanten Bogen. Die Entgegensetzung von Natur und Kunst beruht für ihn nämlich auf zwei Irrtümern. Der erste liegt vor, wenn angenommen wird, die Kunst ahme Naturgegenstände nach. Nicht die "natura naturata", die von der Natur produzierten Gestalten also, sondern die "natura naturans", das Prinzip natürlicher Produktion, werde vom Künstler imitiert. Und ein zweiter Irrtum ist es für Spaemann anzunehmen, daß dieses produzierende Prinzip das der blinden Evolution oder der sinnlosen Mechanik sei. Seit dem siebzehnten Jahrhundert wird die Natur zwar zunehmend von der Technik her verstanden: sei es metaphorisch im Bild des kosmischen Uhrmachers oder La Mettries "L'homme machine", sei es sachlich in ihrer Erschließung durch Experimente. Was sich im Labor nicht durch künstliche Einrichtungen reproduzieren läßt, scheidet als Gegenstand wahrer Aussagen über Natur aus. "Je suis tout l'art", ich bin ganz Kunst, ließ Voltaire daher die Natur sagen.

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