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Wunderforschung : Die Produktion von Heiligen läuft auf Hochtouren

Ihr Wundertätgikeit strahlt bis heute aus: Die Heilige Mutter Gottes von Fatima Bild: dpa

Mehr als achtzig Prozent aller Heiligen sind im 20. Jahrhundert anerkannt worden: Jetzt sucht die Forschung Antworten auf die Frage, ob es eine Inflation von Heiligen analog zur Versorgung der Wirtschaft mit immer mehr Geld gibt.

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          Gottes Handeln ist in der Geschichte, die uns das Christentum erzählt, rückläufig. Erst sah man ihn, dann hörte man ihn immerhin noch, was Verhandlungen erlaubte, dann schickte er seinen Sohn, und zuletzt bleiben Texte, von denen die Philologen dann herausfanden, dass sie mehr als einen Autor haben.

          Aber es blieben nicht nur Zeichen, sondern auch noch Wunder. Das Wunder, schrieb Kardinal Ratzinger 1977, sei als Zeichen dafür unersetzlich, dass Gott handeln könne, ohne den Glauben daran falle die Annahme schwer, er sei auch in der Gegenwart anwesend und zu Spontaneität fähig. Auch Gott, heißt das wohl, kann Kausalketten anfangen, aber dann müssen es schon besondere sein. Vor Experimenten betet niemand, und Politiker, die ihre Wiederwahl als Wunder im strikten Sinne bezeichnen würden, müssten mit Kommentaren rechnen.

          Spitzenreiter ist Johanes Paul II.

          Dem Wunderglauben heute steht der Satz des protestantischen Theologen Rudolf Bultmann entgegen, man könne nicht „elektrisches Licht und Radioapparate benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“. Nun, man kann. Bultmanns Kollege, der anglikanische Religionshistoriker Robert Bruce Mullin, hat den Glauben respektive Unglauben an Wunder geradezu als das Unterscheidungsmerkmal schlechthin auf dem religiösen Feld der Gegenwart bezeichnet, informativer als der zwischen den Konfessionen.

          Kein anderer Papst hat soviele Heiligsprechungen auf dem Konto: Jetzt soll Johannes Paul II. selbst heilig gesprochen werden
          Kein anderer Papst hat soviele Heiligsprechungen auf dem Konto: Jetzt soll Johannes Paul II. selbst heilig gesprochen werden : Bild: AFP

          Wer Wunder jedenfalls braucht, ist die Bürokratie des Vatikans. Denn ohne Wunder keine Seligen und Heiligen, jeweils eines ist inzwischen dafür nötig; es waren schon einmal mehr. Von 1588, als das Verfahren in Gang kam, bis 1978 wurden 302 Heiligsprechungen vorgenommen, unter Johannes Paul II. waren von 1978 bis 2005 aber 482 Wunder für Heilige und 1338 Wunder durch Selige vonnöten. Mehr als achtzig Prozent aller Heiligen sind im 20. Jahrhundert anerkannt worden. Mehr als die Hälfte der neuen Heiligen und Wunder kommt aus China, Korea und Vietnam, es folgen 173 Heilige aus Südeuropa, dann folgen Mexiko, Japan und Polen. Was Gott bewegt hat, gerade in diesem Zeitabschnitt und in diesen Regionen mit Wundern nicht zu geizen, darüber kann nur spekuliert werden.

          Die Wundermenge in Vietnam

          Die große Welle moderner Marienerscheinungen beispielsweise, halten die Historiker Alexander Geppert und Till Kössler in der Einleitung zu ihrem äußerst lesenswerten Sammelband über Wunder fest, ereignete sich im Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, gewissermaßen parallel zum Wunder von Bern und zum Wirtschaftswunder („Wunder. Poetik und Politik des Staunens im 20. Jahrhundert“. Frankfurt am Main, 2011). Der amerikanische Evangelist Billy Graham hatte 1954 vor 5000 Zuschauern in Frankfurt am Main die deutsche Prosperität tatsächlich als Lohn für die christliche Haltung der Leute erklärt.

          Natürlich kommt diese Art Wunder trotzdem noch zu selten vor, um sie verlässlich mit Wirtschaftsdaten, dem Grad an Säkularisierung oder dem Mitgliederstand der katholischen Kirche zu vergleichen. Der Soziologe Rudolf Stichweh (Luzern) hat in einem Aufsatz darauf hingewiesen, dass zwar die Produktion an Engeln seitens der katholischen Kirche vor längerer Zeit eingestellt worden sei, die Produktion von Heiligen aber durchaus der inflationären Versorgung von Wirtschaft mit Geld ähnele („Zu einer allgemeinen Theorie der Funktionssystemkrise“, www.unilu.ch/files/allgemeine-theorie-der-funktionssystemkrise.pdf).

          Nur dass hier Inflation bislang nicht zu einer Krise oder einer spekulativen Blase „Heiligkeit“ geführt habe. Vielleicht, weil die Umlaufgeschwindigkeit der konkreten Heiligen nicht so hoch ist, soll heißen: nur die allerwenigsten Gläubigen von diesen Symbolen Gebrauch machen. Man kann, mit anderen Worten, die Wundermenge in Vietnam - nachholend - erhöhen, ohne damit drastische Heilsentwertungen in Bayern oder Schottland befürchten zu müssen.

          Wo treuherzig geglaubt wird

          Darauf weist auch die Studie hin, die in besagtem Sammelband der Berliner Religionswissenschaftler Helmut Zander zur ersten Marienerscheinung des 21. Jahrhunderts vorgelegt hat („Maria erscheint in Sievernich. Plausibilitätsbedingungen eines katholischen Wunders“). Zu solchen Erscheinungen kommt es danach vor allem in Regionen mit vorkonziliarer Orientierung, in denen nicht die Bibel oder die Theologie, sondern die Tradition maßgebend sei, und nicht die gehörte Botschaft, sondern die sichtbare Erscheinung die Führungsrolle im religiösen Erleben habe.

          Bei den berühmten „Geheimnissen von Fatima“ ging das so weit, dass ihre Prophetie aus dem Jahr 1917 noch überzeugte, als sie erstmals 1941 veröffentlicht wurde, obwohl sie sich, wohlwollend gedeutet, auf Ereignisse von 1918 und 1939 bezog. Wo so treuherzig geglaubt und weitherzig gedacht wird, sind Wunder wahrscheinlich und inflationsgeschützt. Sogar in einem Garten des Eifelortes Sievernich soll Maria im Jahr 2003 im Rasen Spuren hinterlassen haben, die, wie es heißt, trotz zweimaligen Mähens nicht verschwanden.

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