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Philosophie in der Kritik : Wittgensteins Großneffe

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Das waren noch Sein und Zeiten: Wolfram Eilenberger findet unter den heutigen Professoren keine Nachfolger von Ernst Cassirer und Martin Heidegger. Bild: Privat-Archiv Dr. Henning Ritter / DBD

Der Publizist Wolfram Eilenberger führt Klage über den Niedergang der deutschen Universitätsphilosophie. Hier kommt die Antwort eines Mitgemeinten.

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          Der Publizist Wolfram Eilenberger bescheinigt der deutschen Universitätsphilosophie in der Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 1. März 2018 ein Leben in „stiller Verzweiflung“, „irrelevanter Selbstbespiegelung“ und „lustloser Totalstagnation“. Die besondere Provokation seiner Diagnose, für die Eilenberger sich auf Hintergrundgespräche mit Philosophieprofessoren beruft, besteht darin, dass sich ihm zufolge über die Diagnose „alle Akteure im Feld einig“ sind.

          Nein, das sind sie nicht. Nun ist es eine undankbare Aufgabe, ein so lustvoll überzeichnetes Bild einem Faktencheck zu unterziehen. Man steht dann leicht als der Pedant und beamtete Kleingeist da, dem Eilenbergers Polemik gilt. Trotzdem, es muss sein.

          Ein seltsamer Reichweitenvergleich

          In einigen Punkten trifft Eilenberger tatsächlich etwas, wenn auch nicht das anvisierte Ziel. Die Orientierung an Rankings, der Publikationsdruck, die schwindende Bedeutung von Büchern gegenüber Fachaufsätzen – das sind bedenkliche Trends, die aber nicht speziell die Philosophie betreffen, sondern den Wissenschaftsbetrieb insgesamt.

          Was wirft Eilenberger den „bestens trainierten universitären Denkathleten“ vor, zumal den jüngeren, die noch im Wettbewerb um einen dauerhaften Verbleib in der Wissenschaft stehen? Er findet, dass sie Binnendifferenzierungen in „hoffnungslos ausgelaugten Forschungsprogrammen und -fragen“ anbringen und dabei „zu vorgestanzten Fragen in vorgestanzter Sprache“ Aufsätze produzieren, die zu Recht niemand liest. Im Gegensatz dazu habe das von ihm gegründete „Philosophie Magazin“ eine hohe Auflage und Philosophiefestivals seien gut besucht. Dieser seltsame Reichweitenvergleich unterschlägt eine Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie: einer großen Zahl von Studierenden eine möglichst gute Ausbildung zu verschaffen. In Eilenbergers Lagebeschreibung kommt dieses Kerngeschäft der Universität überhaupt nicht vor.

          Es gehe ihm „nicht um Häme, sondern um mögliche Auswege aus dem vorherrschenden Zustand der lustlosen Totalstagnation“, beteuert er, aber er macht keinen einzigen Vorschlag. Wie stellt er sich denn einen Forschungs- und Lehrbetrieb vor, der seinen Erwartungen an „Strahlkraft“ und „Faszination“ genügte? Wie soll das Publikationswesen umorganisiert werden? Wer soll Themen setzen? Wie soll über Ressourcen und Stellen entschieden werden?

          Gentechnik ist das schlechteste Beispiel

          Mit solchen Fragen hält der Kritiker sich nicht auf. Stattdessen verweist er „zur Erinnerung“ auf Wittgenstein, der zeitlebens keinen einzigen Fachartikel veröffentlicht hat, nicht an Konferenzen teilnahm und unbestritten einer der bedeutendsten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts war. Ganz richtig, aber was soll uns diese Gegenüberstellung sagen? Wittgenstein hat auch keine Dissertationen begutachtet und keine Studienordnungen geschrieben. Als Rollenmodell für den heutigen Universitätsbetrieb ist er denkbar ungeeignet.

          Irrelevant sei die Universitätsphilosophie, weil sie den großen Gegenwartsfragen wie Klimawandel, Künstliche Intelligenz oder Gentechnik ausweiche. Das sind schlechte Beispiele, denn zu den Fragen, was wir künftigen Generationen schulden, ob Maschinen denken können, was einen Menschen von einem Zellhaufen unterscheidet und welche moralischen Grenzen es für biotechnisches Enhancement geben sollte, haben Philosophen kluge Analysen vorgelegt. Es ist nicht zuletzt das Verdienst der akademischen Philosophie, dass medizinethische Fragen in deutschen Qualitätsmedien auf höherem Niveau diskutiert werden als in den meisten anderen Ländern.

          Mehr Habermas wagen?

          Sicherlich wäre zu wünschen, dass Philosophen noch aktiver in den öffentlichen Diskurs eingreifen. Ob das Ergebnis Eilenberger gefiele, ist eine andere Frage. Von Jürgen Habermas hält er nichts. Die jüngere Kritische Theorie findet er sektiererisch. Der von ihm angeführte Martin Heidegger hätte besser geschwiegen, als „die innere Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung zu rühmen. Wittgenstein verfügte in politischen Dingen ebenfalls über geringe Urteilskraft, aber er hat sich nicht öffentlich geäußert.

          Es ist richtig beobachtet, dass akademische Philosophen der jüngeren Generation bei der Einmischung in gesellschaftliche Debatten zurückhaltender sind als die Meisterdenker des zwanzigsten Jahrhunderts, denen Eilenberger nachtrauert. Für diese Zurückhaltung gibt es neben schlechten auch gute Gründe: Es ist nicht zu sehen, warum Philosophieprofessoren sich vor anderen Berufsgruppen durch eine besondere politische Urteilskraft auszeichnen sollten.

          In einer nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich komplizierter gewordenen Welt sehen sich jüngere Philosophen nicht mehr so selbstgewiss für das große Ganze zuständig wie noch viele ihrer akademischen Lehrer. Bevor sie sich zu Wort melden, fragen sie sich, was sie aus eigener Kompetenz zu gesellschaftlichen Debatten beitragen können. Vor allem aber haben sie eingesehen, dass Interventionen akademischer Intellektueller heute nicht mehr und nicht weniger sind als dies: eine unter vielen Stimmen in der öffentlichen Sphäre, die zur politischen Meinungsbildung beitragen. Dass die Universitätsphilosophie diesen Strukturwandel der öffentlichen Kommunikation anerkannt hat, ist nicht zu beklagen, sondern zu begrüßen.

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