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Wolf Lepenies zum Siebzigsten : Kauserien, nicht nur montags

S-Professor: Der Kultursoziologe Wolf Lepenies Bild: dpa

Ein Entdecker mit sicherem Geschmack: Wolf Lepenies hat sich um die geistige Welt Europas verdient gemacht. Mit seiner Vorliebe für Aphorismen, Anregungen und Analogien zählt der Berliner Soziologe zur intellektuellen Oberklasse.

          Wer bei der Freien Universität Berlin die Netzseite der emeritierten Hochschullehrer (“-innen“, wie sie ankündigt, gibt es gar keine) des dortigen Instituts für Soziologie aufsucht, findet einige Namen - und dann den Eintrag für Wolf Lepenies, der davon abweicht. „Prof. Dr. Wolf Lepenies a. D.“ steht dort und darunter nicht „Hochschullehrer im Ruhestand“ wie bei allen anderen, sondern „S-Professor“.

          Beides passt zu Wolf Lepenies: das den ehemaligen Beamten in höherer Stellung bezeichnende „außer Dienst“ so sehr wie die S-Klassifikation, bei der man zunächst an große Limousinen denken mag. Wolf Lepenies ist der hochrangige Diplomat unter den deutschen Intellektuellen, Friedenspreisträger, Offizier der französischen Ehrenlegion, Ehrendoktor der Sorbonne, Kommandeur des schwedischen Nordstern-Ordens, Offizierskreuzträger von Ungarn, Aufsichtsrat der Springer AG. Er hat viel für die geistige Welt Europas getan, Netzwerke geknüpft, Häuser gegründet, das Botschaftersein kultiviert.

          Erschreckend belesen

          Selbst die tatsächliche Bedeutung von S-Professor, „Sektoralprofessor“ nämlich, ist darum bei Lepenies einer über die gemeinte ruhegehaltsrelevante Tatsache seiner Doppelberufung durch die Universität und das außeruniversitäre Berliner Wissenschaftskolleg hinausgehenden Deutung fähig. Denn Wolf Lepenies war eigentlich schon vor seiner Zeit als Rektor des Wissenschaftskollegs, das er von 1984 bis 2001 prägte, in höherem Sinne ein Sektoralprofessor, der noch mehr mit seinen Begabungen vorhatte als Forschung und Lehre.

          Die meisten Soziologen, unter denen er um 1968 herum groß wurde - er hatte in Münster studiert und war von dem heute ganz zu Unrecht vergessenen Dieter Claessens promoviert worden -, konnten ihn kaum als ihresgleichen erkennen; weder seiner Bildung noch seiner Themen und seinem Desinteresse an Theorie oder Statistik nach. Seine Dissertation „Melancholie und Gesellschaft“ war erschreckend belesen, für die Zeit ungewöhnlich ausgewogen und kam 1969 rechtzeitig zum Kater der Revolte.

          Lieber Proust als Parsons

          Danach erschien „Das Ende der Naturgeschichte“ (1976), ein Buch über die Schwellenzeit der biologischen Disziplinen im Übergang vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, das zeigte, welche Anlagen zum großen Wissenschaftshistoriker in Lepenies steckten. Aber er war immer schon wieder zu etwas anderem unterwegs. Am liebsten berichtete er seinen Fachkollegen von Ethnologen, Philosophen oder Schriftstellern als einem gesellschaftserschließenden Lektürepensum, das sie schwänzten, während er das ihre schwänzte und irgendwann alle Texte, die man auf ihre Erkenntnisgewinne hin lesen könnte, auf ihre Autoren und ihren kulturellen Kontext hin las.

          Sein Buch über „Die drei Kulturen“ machte 1985 dann auch gar nicht den Versuch, die sozialwissenschaftliche „Kultur“ mit der naturwissenschaftlichen zu vermitteln, sondern wandte sich ganz einer Soziologie in literarischer Form zu. Wozu Darwin oder Parsons, wenn es doch Balzac und Proust gibt, mag er sich gesagt haben. Lepenies waren stets die Aphorismen lieber als die Hypothesen, die Anregungen lieber als die Lehre, die Analogie und das Bild lieber als das Argument.

          Paradoxes Rollenideal

          Das prädestinierte ihn zum geschmackssicheren Entdecker mehr als zum Forscher. Darum liegen seine größten Verdienste außerhalb der Wissenschaftsdiplomatie, die ihn fast in politische Ämter geführt hätte, vor allem im Bekanntmachen hierzulande einst unbekannter Denker. Zum Beispiel Laurel und Hardy, denen sein bester Aufsatz gewidmet ist. Oder Gaston Bachelard, dessen Buch „Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes“ herausgegeben zu haben ihm den Dank der Mitwelt sichert.

          Und dann schrieb er noch eine glänzende Monographie über den im Paris des neunzehnten Jahrhunderts ebenso berühmten wie in fast allem irrenden Literaturkritiker Charles-Augustin Saint-Beuve. Für dessen kommode, mit dem juste milieu ausgesöhnte, gewissermaßen repräsentative Intellektualität hat Lepenies erkennbar Sympathien. Ihm konnte er das paradoxe Rollenideal entnehmen, das seinem Naturell ganz entspricht: ein Intellektueller zu sein, der niemals übertreibt. Am heutigen Dienstag wird Wolf Lepenies siebzig.

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