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: Wer ist Timche?

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In der Mitte des vergangenen Monats entschied die Knesset, das israelische Parlament, eine Debatte über die Untaten, verübt in der Türkei im Ersten Weltkrieg an den Armeniern, nicht zuzulassen. Der Antrag, ...

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          In der Mitte des vergangenen Monats entschied die Knesset, das israelische Parlament, eine Debatte über die Untaten, verübt in der Türkei im Ersten Weltkrieg an den Armeniern, nicht zuzulassen. Der Antrag, die "Massentötungen von Armeniern" zu diskutieren, war vom Abgeordneten Haim Oron gestellt worden, gegen ihn hatten sich Ministerpräsident Ehud Olmert und die Außenministerin Tzipi Livni ausgesprochen, letztere mit dem Hinweis auf die für Israel wertvollen Beziehungen zur Türkei.

          Schon seit langem weiß man, wie verlässlich Israels Unterstützung der türkischen Position in dieser Frage auch international ist. Während europäische Parlamente wie das deutsche und das französische den Armenier-Genozid auf ihre Tagesordnungen setzten, ja Frankreich, ein Land mit einer aktiven armenischen Bevölkerungsgruppe, ein eigenes Gesetz verabschiedete, das die Leugnung des Sachverhalts unter Strafe stellt, hält sich Israel - jedenfalls offiziell - zurück, und nur einzelne Dissidenten erheben dort ihre Stimme zugunsten der armenischen Sache. Was die Gründe für diese Politik angeht, so ist meist, wie auch kürzlich bei den Außenministerin, von der Staatsräson die Rede, also von den israelisch-türkischen Beziehungen, die im Nahen Osten auf einzigartige Weise kooperativ bis freundlich sind.

          Es kommt aber ein kultureller Faktor hinzu, der nur selten diskutiert wird. In der Geschichte waren gerade die Beziehungen zwischen Juden und christlichen Armeniern oft außergewöhnlich gespannt. Als Ignaz Bernstein vor hundert Jahren jüdische Sprichwörter sammelte, stieß er auch auf ein galizisches: "Er is a Timche". Bernsteins Glossar gibt Aufschluss über den Begriff: "Mit diesem Worte werden in Galizien die Armenier bezeichnet. (In manchen Gegenden nennt man sie auch ,Much'.) Da die Armenier als Abkömmlinge der Amalekiter gelten, so steht die Bezeichnung ,Timche' mit dem Bibelvers in Zusammenhang, in welchem es von Amalek heißt: ,du sollst auslöschen (timche) das Andenken an Amalek'. An einer anderen Stelle spricht Gott von Amalek: ,denn auslöschen werde ich (muchoj emche) das Andenken an Amalek . . .' Von dieser Stelle ist wohl die andere Bezeichnung für Armenier ,Much' abzuleiten." (Ignaz Bernstein, Jüdische Sprichwörter und Redensarten, 1907, Reprint 1988.)

          Amalek ist im Alten Testament der Inbegriff eines schlechthin feindlichen Volkes: Amalek gilt als Enkel Esaus. Esau nun hatte hethitische Frauen genommen und sich damit von selbst um den Segen Isaaks gebracht; der Betrug, den Jakob mit seiner Mutter ins Werk setzt, um den älteren Bruder auszustechen und die legitime Nachfolge des Patriarchen anzutreten, ist nur der nötige Umweg zu einem Ziel, das Esau selbst schon mit seiner ethnischen Exogamie unausweichlich gemacht hatte.

          Tatsächlich war die Gleichsetzung von Armeniern und Amalekitern geographisch viel weiter verbreitet, als es Bernstein mit seinem galizischen Beleg (dem einzigen seiner Sammlung übrigens) annehmen konnte, und vor allem: sie ist viel älter. Elliot Horowitz belegt in seiner kürzlich erschienenen Geschichte des Purim-Festes ("Reckless Rites". Purim and the Legacy of Jewish Violence. Princeton University Press, Princeton und Oxford 2006, F.A.Z. vom 24. Juli 2006), dass die Gleichsetzung der Armenier mit den Amalekitern bis ins zehnte Jahrhundert zurückreicht. Einer der Gründe mag die Konkurrenz im Handel gewesen sein. Aber impliziert war in der Gleichsetzung doch mehr: ein religiöses Verdammungsurteil, das an Schärfe nicht zu überbieten war.

          Quellen aus dem neunzehnten Jahrhundert, so Horowitz, zeigten das Nachleben dieser Tradition: So habe der britische Missionar Joseph Wolff, in Palästina und im Jemen tätig, sich verwundert darüber gezeigt, dass die Armenier, von den Juden als vermeintliche Nachkommen Amaleks verabscheut, doch die einzige unter den christlichen Kirchen bildeten, die sich dem Schutz der Juden widmete. Die schottischen Missionare Bonar und McCheyne, so Horowitz weiter, berichteten über ihre ausgreifenden Missionsbemühungen im Nahen Osten wie in Europa im Jahr 1842 und dabei auch über den besonderen Hass, den die Juden gegenüber den Armeniern hegten. Die Missionare nahmen an, dieser stamme aus der Legende, nach der Haman - der oberste Judenfeind des biblischen Buches Esther - "ein Armenier gewesen sei und dass es sich bei den Armeniern um die in der Bibel erwähnten Amalekiter handle".

          Es wäre merkwürdig, wenn eine noch kürzlich so lebendige Tradition, die sich selbst im Sprichwort - also im dichtesten Erfahrungsschatz des Volkes - wiederfindet, ganz aus dem Bewusstsein der heutigen politischen Akteure verschwunden wäre. Sicher erklärt die kulturelle Überlieferung allein nicht jede aktuelle Entscheidung eines Staates, und sicher wurden in der Geschichte des jüdischen Volkes auch manche anderen Feinde als "Amalek" bezeichnet, um eine griffige Verdammung auszudrücken - Bernstein berichtet vom Ausruf "Saks Amulejk!" mit der Erklärung: "So werden die Sachsen in Polen genannt, wo die Erinnerung an ihre judenfeindlichen Tendenzen sich noch erhalten hat" - aber man wünschte sich doch eine Geschichte des so exzeptionell radikalen und lang zurückreichenden Vorurteils, die seine subkutan motivierende Kraft auch für die Heutigen darstellte. Elliot Horowitz jedenfalls führt gelegentlich noch immer vorkommende Gewaltakte gegen armenische Christen in der Altstadt von Jerusalem auf den fortdauernden Kampf gegen "Amalek" zurück. Lorenz Jäger

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