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Welttag der Philosophie : „Ich werde nicht in Teheran sprechen“

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Auf der Gegenseite steht der Umstand, dass man in einem Land mit einer unberechenbaren Diktatur auftritt. Nach Abwägen des Dafür und Dawider habe ich mich zunächst entschlossen, Kollegen aus Brasilien, den Vereinigten Staaten und Deutschland für Vorträge zu gewinnen und selbst zum Thema „Heilige Schriften innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ zu sprechen. Mit kantischen Überlegungen zum Verhältnis von Philosophie und Offenbarung wollte ich zur Aufklärung in einem stark von der Religion geprägten Land beitragen. Jetzt allerdings sehe ich mich gezwungen, die Zusage zurückzunehmen.

Für einen derartigen Schritt braucht es mehr als nur gute, es bedarf sehr guter Gründe. Ihr Kern besteht in der enttäuschenden Nachricht, nicht Gholamreza Aavani, sondern Haddad Adel sei der Leiter („chief“) der Veranstaltung geworden, direkt von Präsident Ahmadineschad ernannt. Der Philosophieprofessor Adel hat zwar vor längerer Zeit Kants „Prolegomena“ übersetzt und verspricht seit langem eine Übersetzung des nach Schopenhauer „wichtigsten Buches, das jemals in Europa geschrieben worden“, also von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Adel ist aber nicht bloß akademischer Philosoph, sondern in die Machenschaften der politischen Führung so intim verstrickt, dass man die seit Ahmadineschads Präsidentschaft veränderte Lage nicht in den Hintergrund schieben darf. Noch vor wenigen Wochen hat Adel Dissidenten eine Wiederholung von „Kahrisah“ angedroht, also Einsperrungen Dutzender Personen in einen Container, systematisches Vergewaltigen von Jugendlichen und erwachsenen Männern und das Verbrennen der Leichen von Folter-Opfern.

Propagandisten im Beirat

Zu Adels Leitung passt, dass sich unter den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirates Djavad Laridschani findet, der Vorsitzende beziehungsweise Sekretär der iranischen Menschenrechtskommission, die in Wahrheit als Dementier-Maschine tätig ist. Ihre Arbeit erschöpft sich nämlich in der systematischen Leugnung der Menschenrechtsverstöße im Iran sowie in der Verurteilung von Menschenrechtsverstößen in Israel und den Vereinigten Staaten. Laridschani behauptet sogar, der Iran sei „das freieste und demokratischste Land der Welt“, und alle Dokumente und Filme über die Geschehnisse der letzten Monate im Iran, teilweise sehr erschütternde Videos, seien Fälschungen des Imperialismus und der Spione des Imperialismus im Iran. Von derartigen „Gutachtern“ ist mit einer Zensur, zumindest der iranischen Beiträge, zu rechnen.

Hinzukommt, dass ein so wichtiges Mitglied der Akademie wie Mohsen Kadiwar, dessen Vortrag über „Kant im Iran“ mich damals beeindruckt hat, weder an einer Universität noch an der Akademie arbeiten kann. Statt ihn, der immerhin Mitglied des wissenschaftlichen Rats des Instituts gewesen ist, in den wissenschaftlichen Beirat des Weltphilosophietags aufzunehmen, wird ihm, der sich derzeit in den Vereinigten Staaten aufhält, die Einreise in sein Heimatland verboten.

So droht die Gefahr, dass ein Weltphilosophietag als Propagandaveranstaltung des Staatspräsidenten missbraucht wird. Dazu kann ich meine Hand nicht reichen. Ich habe, gegenüber dem integren Direktor Aavani mit großem Bedauern, meine Teilnahme abgesagt. Nicht die wissenschaftliche Kompetenz der Akademie begründet meine Absage, vielmehr die politische und akademische Lage: Zur Zeit wird so gut wie keine kritische Stimme im Iran toleriert. Dies lässt sich nicht nur an der Lage der iranischen Presse und des Verlagswesens ablesen. Es zeigt sich auch in den jüngsten Stellungnahmen iranischer Politiker zu den Geisteswissenschaften sowie in ihrer Praxis gegenüber andersdenkenden Wissenschaftlern und Intellektuellen. Als Philosoph kann man nur auf eine radikale Änderung der Entwicklung hoffen, damit sich die bislang gute Zusammenarbeit weiterführen lässt. Unter den derzeitigen Umständen jedenfalls verrät der Weltphilosophietag seine Aufgabe, unter allen Kulturen den freien Diskurs zu pflegen.

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