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: Weg-Biegung

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"Mein Kriegsvater", "Mein guter Vater", "Eine Vatersuche" oder "Sprich mit mir" - das sind Titel erfolgreicher aktueller Bücher von Autorinnen meist über sechzig, die sich einer privaten, autobiographischen Erinnerungspolitik verschrieben haben.

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          "Mein Kriegsvater", "Mein guter Vater", "Eine Vatersuche" oder "Sprich mit mir" - das sind Titel erfolgreicher aktueller Bücher von Autorinnen meist über sechzig, die sich einer privaten, autobiographischen Erinnerungspolitik verschrieben haben. Ihre Väter waren Täter im Getriebe des nationalsozialistischen Apparats - allein hier stockt Thomas Medicus schon, der die Gruppe dieser Bücher untersucht hat. Denn die von den Töchtern unterstellte Täterschaft bleibe oftmals im vagen und werde so erst recht verabsolutiert, nach eigentlich justitiabler Schuld werde weniger gefragt, Spezifizierungen oder klare Kategorien fielen bis auf wenige Beispiele aus: "In manchen Fällen genügt die Feststellung einer Parteimitgliedschaft, um über weitergehende schuldhafte Verstrickungen mutmaßen zu können." Grund genug also, das erzählerische Muster dieser Bücher als neueste deutsche Ideologie einmal genauer zu analysieren (Thomas Medicus, "Im Archiv der Gefühle. Tätertöchter, der aktuelle ,Familienroman' und die deutsche Vergangenheit", in: Mittelweg 36, Jg. 15, Heft 3, Hamburg 2006).

          Einer der Befunde von Medicus lautet nun, daß die Erinnerungsbücher dem Muster einer "schmerzvollen Wiedergeburt", ja einer quasitherapeutischen Leitidee verpflichtet sind. Dem elterlichen "Redeverbot" folge mit einer gewissen Regelmäßigkeit der Bericht von psychosomatischen Symptomen, die nach dem Tod der Eltern aufgetreten seien, und nicht im männlichen Modus der Rebellion werde die Familiengeschichte abgearbeitet, sondern als Erzählung einer "Ambivalenzverstrickung". Aber Medicus kann hier dennoch keinen Fortschritt gegenüber den früheren Anklagen erkennen, nur noch eine verzweifelte, indezente, im reinen Gefühlsstrom verbleibende Selbstsuche, für die es belanglos bleibe, "ob der Vater wirklich Massenmörder war oder nur ein kleines Rad im Getriebe, das in einem geschichtlichen Werk über nationalsozialistische Verbrechen keiner Rede wert wäre".

          Im Gespräch mit Medicus und dem Soziologen Heinz Bude äußert sich der amerikanische Politologe Tom Lampert, der in seinem Buch "Ein einziges Leben. Acht Geschichten aus dem Krieg" (2001) unterschiedliche Lebensläufe der nationalsozialistischen Ära beschrieben hat ("Bedenke die Form!", im gleichen Heft). Unübersehbar ist seine Skepsis gegenüber der Geschichtspolitik, die er für kontraproduktiv hält: "Ein Grund, warum die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland zum Teil fehlgeschlagen ist, ist eine Voreingenommenheit, die zu Ressentiments führt. Wird Geschichte instrumentalisiert, dürfte man eigentlich nicht überrascht sein, wenn so etwas als Reaktion entsteht." Das "Moralisieren mit dem Hammer" hält Lampert schlicht für einen Holzweg; er plädiert zudem für eine Aufhebung des Verbots von Hitlers Schrift "Mein Kampf".

          Wenden wir uns Jan Philipp Reemtsmas Beitrag zu, dann finden wir, daß er die Summe der vorangestellten Artikel zieht. Das Wort vom "Erinnern" selbst ist es, das er kritisch befragt ("Erinnerung vergemeinschaften. Ein kurzes Gespräch über Nachteile der Geschichtsschreibung", im gleichen Heft). Nicht mit einer eindeutigen These ist er zu zitieren - Reemtsma überläßt in seinem literarisch ambitionierten Dialog zwei Stimmen das Wort, die eine prescht in ihrer geharnischten Kritik an den offiziellen rhetorischen Formen der Erinnerungspolitik weit vor, die andere bringt mäßigende Gesichtspunkte der Rechtfertigung bei -, aber sein Sprecher "B" argumentiert doch mit solcher Verve, daß man mindestens einen Teil seiner Gedanken wohl auch Reemtsma selbst zuschreiben kann: "Kommen Sie mir jetzt nicht mit dem vielbeschworenen Geheimnis der Erlösung, das Erinnern heiße. Ist doch nichts weiter als ein bis aufs Feuilleton heruntergekommener Mißverstand! Und bitte auch nicht mit dem Satz, wer sich nicht erinnere, sei verurteilt zu wiederholen. Das ist noch nicht einmal falsch verstandene Psychoanalyse." Die Historiographie werde, so jedenfalls der Sprecher "B", allein durch das Wort "Erinnern" moralisch eingefärbt - was der reelleren Forschung nicht zum Guten anschlage.

          Reemtsma, Lampert, Medicus und Bude formulieren eine gemeinsame Sorge, die man zwischen den Zeilen liest: Kann es sein, daß die sanft verordneten Formen und Inhalte der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, je effektiver sie medial und pädagogisch zu reüssieren scheinen, in ihrer Moralisierung und Verkitschung am Ende zu einem ganz anderen Ergebnis führen, nämlich ernstere Formen der Auseinandersetzung mit in ihren Niedergang reißen?

          Jeder dieser Beiträge im "Mittelweg 36" steht für sich, jeder hat ein spezifisches Anliegen. Dennoch: In ihrer Zusammenstellung - und wieviel mehr noch im Ort des Erscheinens, in der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, das immerhin das Debakel der ersten Wehrmachtsausstellung zu verantworten hatte - liegt eine Aussage, die weiter geht. Vergleichen wir die deutsche Geschichtspolitik mit einem Regime (Foucault würde die Metapher billigen), dann schreiben wir jetzt den Juli 1989: Hans Modrow läßt im Gespräch mit Westmedien, noch ganz in der Form vorsichtiger Fragen, erste Zweifel am Kurs des Politbüros verlauten. Andere sind schon auf dem Weg nach Ungarn. Lorenz Jäger

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