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Vom Deutschlandlied zur Nationalhymne : Wer sind wir, und was wollen wir dazu singen?

  • -Aktualisiert am

In Pose: Lord und Lady Curzon Bild: akg-images/British Library

Der Vizekönig von Indien bat gefälligst um des Glückes Unterpfand: Vor neunzig Jahren wurde das Deutschlandlied Nationalhymne. Der Engländer Lord Curzon gab den Anstoß dazu.

          Vor kurzem jährte sich die offizielle Anerkennung des Deutschlandliedes als Nationalhymne zum neunzigsten Mal. Am Vorabend des Verfassungstages der Weimarer Republik, am 10. August 1922, gab Reichspräsident Friedrich Ebert der Öffentlichkeit bekannt, der „Sang von Einigkeit und Recht und Freiheit“ solle fortan „der festliche Ausdruck unserer vaterländischen Gefühle sein“.

          Das Wort Nationalhymne vermied der Präsident, ebenso eine förmliche Proklamation im Verordnungswege. Die Presse verstand ihn dennoch. So konstatierte die „Vossische Zeitung“ in ihrem Bericht über die Verfassungsfeier: „Von heute an hat die deutsche Republik ihre anerkannte Nationalhymne.“ Beim abendlichen Fackelzug zu Ehren Eberts erklang die Hymne aber nicht. In den Herzen der gemäßigten Linken war sie noch nicht angekommen. Daran änderte auch Eberts Weisung vom 17. August 1922 wenig, der zufolge die Reichswehr das Deutschlandlied als Nationalhymne zu führen hatte.

          Seit der Verfassungsgebung waren da schon drei Jahre vergangen. Genau der gleiche Zeitraum sollte nach Verabschiedung des Grundgesetzes verstreichen, ehe sich Konrad Adenauer und Theodor Heuss darauf verständigen konnten, dem Deutschlandlied erneute Anerkennung zuteilwerden zu lassen. Warum in der Bonner Republik so viel Zeit zur Klärung der Hymnenfrage benötigt wurde, ist bekannt: Heuss wollte eine neue Hymne, konnte sie aber nicht durchsetzen; Adenauer wollte die alte Hymne, konnte Heuss aber zunächst nicht überzeugen. Weniger bekannt ist dagegen, weshalb sich die zuständigen Behörden der Weimarer Republik nicht eher zur Festlegung einer Hymne durchringen konnten und wer den Anstoß gab, die Hymnenfrage auf die Tagesordnung zu setzen.

          Keine Klärung der Hymnenfrage

          Im Frühsommer 1920 wandte sich die britische Gesandtschaft in Berlin auf Weisung von Außenminister Curzon mit der Bitte an das Auswärtige Amt, „ihm gefälligst ein Exemplar der Deutschen Nationalhymne zu verschaffen, da es für die Aufnahme in die Neuausgabe der bei Seiner Majestät Flotte geführten Liste von Nationalhymnen benötigt“ werde. Das Amt sah sich indes nicht in der Lage, dieser Bitte nachzukommen; die deutsche Republik habe noch keine anerkannte Hymne. Auch wenn das Reich nach dem Thronverzicht des Kaisers offiziell hymnenlos geworden war - mit „Heil dir im Siegerkranz“ konnte man dem Reichspräsidenten schlechterdings nicht huldigen -, hatte doch das Deutschlandlied bereits inoffiziell den Charakter einer Volkshymne angenommen.

          Im Brockhaus war es schon 1906 als Nationalhymne genannt. Nach dem Wegfall der Kaiserhymne fehlte nur noch die offizielle Anerkennung des Liedes. Diese schien am 12. Mai 1919 in Reichweite, als der Präsident der Nationalversammlung, der Zentrumspolitiker Konstantin Fehrenbach, die Debatte über die Friedensbedingungen der Entente-Mächte mit Worten aus „unserem vaterländischen Hymnus“ schloss: „Deutschland, Deutschland über alles“. Nun stand dem Parlamentspräsidenten sicher nicht die Befugnis zu, Staatssymbole zu setzen oder auch nur anzuerkennen. Und doch zeigt sein Wort vom „vaterländischen Hymnus“, wie verwurzelt das Lied bereits kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs war. Anlass, die Hymnenfrage zu klären, sahen die zuständigen Stellen in der Reichskanzlei nach Fehrenbachs Vorstoß aber nicht. Auch nicht, als der Reichswehrminister endlich wissen wollte, was die Reichswehr bei offiziellen Veranstaltungen zu spielen habe. Erst auf die Bitte Lord Curzons kam Bewegung in die Sache - „mit Rücksicht auf die britische Note“ sollte eine Entscheidung nun „bald getroffen werden“.

          Diplomatische Verwicklungen

          Folgende Fragen galt es damit zu beantworten: Wie und durch wen sollte die neue Hymne festgelegt werden? Welches Lied kam als Hymne überhaupt in Betracht? Die Antworten waren bald gefunden: Der Reichspräsident sollte Armee und Marine anweisen, das Deutschlandlied als Nationalhymne zu spielen. Dies genüge, weil das Lied tatsächlich schon den Charakter einer Nationalhymne angenommen habe, so das Reichsjustizministerium in einem Schreiben an Fehrenbach, der mittlerweile Reichskanzler geworden war.

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