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: Verbrannte Leidenschaft

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Der Marquis de Sade reiste zweimal nach Italien, 1772 und in den Jahren 1775 bis 1776. Über die zweite Reise schrieb er einen ausführlichen Bericht, über die erste äußerte er sich dagegen nicht. Erst ...

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          Der Marquis de Sade reiste zweimal nach Italien, 1772 und in den Jahren 1775 bis 1776. Über die zweite Reise schrieb er einen ausführlichen Bericht, über die erste äußerte er sich dagegen nicht. Erst die Entdeckung und Publikation einiger neuer Briefe wirft nun ein Licht auf diese Reise und die Hintergründe, die sie veranlaßten ("Je jure au marquis de Sade, mon amant, de n'etre jamais qu'a lui". Herausgegeben von Maurice Lever. Paris, Fayard, 2005). Mit dem Satz, der der Publikation den Titel gibt: "Ich schwöre dem Marquis de Sade, meinem Liebhaber, immer nur ihm zu gehören", beginnt der erste dieser Briefe, geschrieben an den Marquis Ende Dezember 1769 von Anne-Prospere de Launay, der jüngeren Schwester von Sades Gemahlin Renee-Pelagie. Anne-Prospere war zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt und lebte als Kanonisse in einem Benediktinerinnen-Kloster bei Lyon, um dort erzogen und auf die Ehe vorbereitet zu werden.

          Im Sommer 1769 hatte Sade sie auf seinem Schloß La Coste in der Provence kennengelernt, als sie dort ihre ältere Schwester besuchte. Sie war sehr schön und verkörperte für den neunundzwanzigjährigen Marquis die unberührbare Jungfrau, eine seiner obsessivsten erotischen Phantasien. Es war eine Leidenschaft auf den ersten Blick, und Sades junge Schwägerin erlag dem unwiderstehlichen Verführer sofort. Der Brief, mit dem die Korrespondenz zwischen den beiden beginnt, bezeugt dies auf eindeutige Weise: Anne-Prospere, die Sade schon ihre Jungfräulichkeit geopfert hatte, schwört dem Geliebten, auf alle Ehepläne verzichten zu wollen, ihm nach Venedig zu folgen und nach endgültigem Verlassen des Klosters nur noch der Liebe zu ihm zu leben, solange das Blut, mit dem sie den Brief unterzeichnete, in ihren Adern fließe.

          Weit davon entfernt, auch seinerseits der Schwägerin die Treue zu halten, die sie ihm geschworen hatte, veranstaltete Sade im Juni 1772 in Marseille mit fünf Prostituierten eine seiner berüchtigten Orgien. Der Prozeß, den dies nach sich zog, kam vor den Gerichtshof von Aix, der Sade wegen Giftmischerei und Unzucht zum Tod verurteilte. Doch der Marquis hatte schon längst das Weite gesucht und war unter dem Namen Comte de Mazan auf dem Weg nach Venedig. Begleitet wurde er von seiner schönen Schwägerin, die so schwach gewesen war, seinen Liebesbeteuerungen noch einmal zu glauben. In Venedig hielt das Paar sich nur kurz auf, denn schon bald floh Anne-Prospere aus der Stadt, wobei sie ihre ganze persönliche Habe zurückließ. Sie hatte nämlich entdeckt, daß der Marquis sie schon wieder mit einer geheimnisvollen Schönen betrog, wahrscheinlich mit einer der vielen Kurtisanen, für die Venedig nach wie vor einer der bekanntesten Plätze in Europa war. Anne-Prospere reiste nach Frankreich zurück, um ins Kloster zu gehen und ihrer unheilvollen Leidenschaft zu entsagen.

          Auch Sade verließ Venedig kurz darauf und floh, immer noch unter dem Decknamen Comte de Mazan, Ende Oktober nach Chambery im Herzogtum Savoyen, wo nicht der König von Frankreich, sondern der König von Sardinien herrschte. Aber der brennende Wunsch, sich wieder seiner Beute zu bemächtigen, zumal Anne-Prospere erklärt hatte, ihrer religiösen Berufung folgen zu wollen, ließ ihn nicht los.

          Schließlich schrieb er am 13. November einen (nicht erhaltenen) Brief, um ihr aufs neue seine leidenschaftliche Liebe zu erklären, ihre Verzeihung für seine Untreue zu erbitten und sie zu bitten, nach Chambery zu kommen. Sollte sie bis zum 20. November nicht bei ihm sein, werde er sich das Leben nehmen. Dies alles hatte er kalt und in allen Einzelheiten kalkuliert. Es sollte auch ein wenig Blut fließen, um sie zu erweichen und zum Kommen zu zwingen. Er verletzte sich deshalb mit einem Messer und benachrichtigte seine Schwägerin, daß er die Drohung wahr gemacht habe.

          Er hatte jedoch nicht mit seiner Schwiegermutter gerechnet, seiner Todfeindin, die ihn besser als ihre Töchter kannte. Die Presidente de Montreuil ließ ihre Verbindungen spielen, um den gefährlichen Machenschaften des Marquis einen Riegel vorzuschieben. Sie wandte sich an den französischen Außenminister, den Herzog von Aiguillon, und bat um diplomatische Schritte zur sofortigen Festnahme des angeblichen Comte de Mazan. Dabei verwies sie auf das vom Gericht von Aix gefällte Urteil und verlangte, daß ihr Schwiegersohn so lange wie möglich im Ausland festgehalten werde, am besten hinter Gefängnismauern. Am 8. Dezember 1772 wurde Sade tatsächlich auf Befehl des Königs von Sardinien verhaftet und in die Festung Miolans, die Bastille von Savoyen, eingeschlossen.

          Aus der Festung schrieb der Marquis seiner Schwägerin nochmals einen langen Brief, in dem er seine gescheiterten Versuche, sie wieder für sich zu gewinnen, schilderte und die Hoffnung äußerte, daß sie auf ihre "infernalische Mutter" einwirken möge, um seine Befreiung zu erreichen. Vom Mißerfolg keineswegs entmutigt, liefert der junge Sade in diesem Brief ein beredtes Beispiel für den unverwechselbaren Stil, den man später in den vielen Romanen und Traktaten seiner Reifezeit wiederfindet. In den nur fünf Seiten des Briefs offenbart sich schon die ganze Persönlichkeit dieses Schriftstellers.

          Am Abend des 30. April 1773 gelang es Sade, aus der Festung Miolans auszubrechen und seine Spuren zu verwischen. Ein Brief seiner Gemahlin an ihre Schwester, der letzte in dieser kleinen erstaunlichen Sammlung, unterrichtet darüber, daß die angehende Novizin über das Schicksal ihres einstigen Liebhabers zwar sehr betrübt war, aber auch voller Sorge, daß er ihr mit ihren Briefen, die sich noch in seiner Hand befanden, schaden könnte. Renee-Pelagie suchte ihre Schwester zu beruhigen und ermahnte sie, ihre Absicht, ins Kloster zu gehen, wahr zu machen. Von der unglückseligen Schwägerin des Marquis de Sade ist nur noch bekannt, daß sie diesen nie mehr wiedersah und 1781 starb. Roberto Zapperi

          Aus dem Italienischen von Ingeborg Walter

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