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: Teutonice et hebraice

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Vom akademischen Betrieb weitgehend unbeachtet, hat an der Universität Düsseldorf in den letzten sieben Jahren eine kleine Revolution stattgefunden. Entstanden ist dort eine Jiddistik, die die malträtierte ...

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          Vom akademischen Betrieb weitgehend unbeachtet, hat an der Universität Düsseldorf in den letzten sieben Jahren eine kleine Revolution stattgefunden. Entstanden ist dort eine Jiddistik, die die malträtierte Sprache aschkenasischer Juden, von der Fama des Aussterbens und von nostalgischer Verhunzung befreit, als raffinierte, lebendige Sprache behandelt und unterrichtet. Schlußstein im ersten Bogen dieser hocherfreulichen neuen Entwicklung ist die Veröffentlichung eines Lehrbuchs: "Araynfir in der yidisher shprakh un kultur" (bei Buske in Hamburg). Das Buch hat auch einen deutschen Titel: "Einführung in die jiddische Sprache und Kultur." Aber davon soll man sich nicht täuschen lassen. Denn der Gebrauch des Deutschen in diesem achtzehn Lektionen umfassenden Buch ist minimal und hört mit der dritten Lektion auf. Auf deutsch und somit in lateinischer Schrift erscheinen danach nur noch die anspruchsvollen Vokabellisten.

          Die Autoren, Marion Aptroot und Holger Nath, zwei in England und Amerika geschulte Jiddisten, machen gleich eingangs klar, daß jeder, der sich der jiddischen Sprache nähern will, zuerst das hebräische Alphabet lernen muß. Es ist durch die zwar gutgemeinten aber für die Wahrnehmung der jiddischen Hochkultur letztlich fatalen transliterierten Werke von Immanuel Olsvanger, Salcia Landmann und Leo Rosten (siehe F.A.Z., 7.März) in Deutschland der Eindruck entstanden, daß es sich beim Jiddischen um eine witzig-melancholische Abschattierung des Deutschen handelt.

          Wer sich durch die exzellente "Einführung in die Schrift" durchgearbeitet hat, darf zur ersten Lektion vordringen. Und das heißt, das Buch schließen und hinten öffnen, denn von nun an wird in hebräischer Schrift von rechts nach links unterrichtet. Zug um Zug wird in klarer jiddischer Sprache die Grammatik erläutert, so etwa die einfache, aber vielen Jiddisch-Sprechern nur intuitiv bewußte Regel: "me nitst dem datif farn umdirektn obyekt un nokh prepozitsiyes." Marion Aptroot, die 1990 in Oxford mit einer Dissertation über jiddische Bibelübersetzungen promoviert wurde, ist 1996 aus Harvard als ordentliche Professorin für Jiddische Sprache und Kultur nach Düsseldorf berufen worden. Ein schöner Coup, denn sie brachte Holger Nath mit, der an der Columbia University in New York noch an seiner Doktorarbeit schrieb. Damit kam eine junge Riege nach Deutschland, die mittel- oder unmittelbar bei den Großen der anglo-amerikanischen Jiddistik gearbeitet hatte. Aptroot hatte darüber hinaus Verbindung zur Forschung in Israel. Zusammen mit Jozeph Michman in Jerusalem edierte sie im vergangenen Jahr die polemischen Pamphlete der Amsterdamer Juden aus dem späten achtzehnten Jahrhundert.

          Das Lehrbuch macht keinen Hehl aus ihrer Grundeinstellung - auf einem seit der Czernowitzer Sprachkonferenz von 1908 von ideologischen Gräben durchfurchten Forschungsgebiet. Die Autoren betrachten das Jiddische als eine lebende, dem Deutschen zwar verwandte, aber grammatisch eigenständige Sprache, die seit dem Mittelalter eine besondere literarische Kultur hervorgebracht hat. In ihrer Auswahl anspruchsvoller Lesestücken demonstrieren Aproot und Nath die Breite der säkularen und religiösen jiddischen Kultur in Europa und Amerika. Natürlich macht sich der tiefe Einschnitt durch den Holocaust und durch Stalins Ermordung der jiddischen Intellektuellen auch in diesem Lehrbuch bemerkbar. Der modernste literarische Text stammt von Abraham Karpinovitsh, einem noch lebenden Autor. "Wir sind allerdings nicht ganz realitätsfremd", sagt Marion Aptroot, "darum ist uns an der passiven Kompetenz mehr gelegen als an der aktiven."

          Jiddisch wird heute von etwa einer Million Juden, überwiegend Chassidim, aktiv gesprochen. Aber die etwa dreißig deutschen Studenten haben wohl kaum vor, Feldforschung bei ihnen zu betreiben. Sie werden in der Mehrzahl historisch arbeiten, wie das auch für die Absolventen des älteren Jiddisch-Programms an der Universität Trier der Fall ist. Die erste von Aptroot betreute Dissertation befaßte sich mit den spätmittelalterlichen Purim-Spielen. Andere Studenten arbeiten an Textausgaben, Bibelübersetzungen oder literarischen Einzelinterpretationen.

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