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Symbole der Koalition : Zwischen Monstren und Doppelgängern

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Die Suche nach Symbolbildern hat eine lange Tradition. Das Thema „Koalitionsbildungen“ bereitet Literatur und politischer Ikonographie besondere Mühe.

          These two Children appear nowhere defective or disproportioned but in the Place of their Coalition or Union“, konnte man im Juni 1708 im „British Apollo“, einer der neuen, ambitionierten Londoner Wochenzeitungen, lesen. Die Rede war von einem 1701 geborenen ungarischen Schwesternpaar, das schon auf dem Kontinent für Aufsehen gesorgt hatte: Die beiden Mädchen waren, wie in deutschen medizinischen Abhandlungen abgebildet, in der Hüftgegend zusammengewachsen. Ein geschäftstüchtiger Wanderschausteller hatte die unzertrennlichen Zwillinge gekauft, mit ihnen eine europaweite Tournee angetreten und war schließlich im Frühjahr 1708 in London aufgetaucht. Wie üblich richteten Leser des „British Apollo“ verschiedenste Fragen an die Herausgeber; unter anderem, wie denn diese wundervolle Koalition zu erklären sei.

          Nach damals vorherrschender Meinung sollte solches Koalieren von Zwillingen vor der Geburt durch heftige körperliche oder seelische Erschütterungen der Mütter zustande kommen. Man möge sich die Ungeborenen wie aus weichem Wachs gebildet denken, lautete eine Auskunft des „British Apollo“. So konnte sich das nahegelegte Vorstellungsbild vom Zusammenkleben und Verschmelzen in der altlateinischen Bedeutung von coalition wiederfinden. Zudem erlaubten derartige Verwachsungen auch ausgeprägte Gegensätzlichkeit solcher Koalitionspartner, die nach heutigem Wissensstand bei eineiigen Zwillingen ausgeschlossen ist.

          Zwei Seelen in nur einem Körper

          Koppelzwillinge seien den Gelehrten schon früher aufgestoßen, schrieb Jean Paul um 1800 in seinem Roman „Titan“. Die beiden hinten aneinandergewachsenen Mädchen aus Ungarn stünden in allen Büchern. Dass sie einander bald küssten, bald prügelten, bald davontrugen auf dem Rücken, wisse wohl jeder. Der große Sprachvirtuose konnte sich also auf ein wohlbekanntes Vorbild berufen, als er seine eigene literarische Version einer leibhaftigen und zänkischen Koalition in die Welt setzte.

          Seine kohärierenden Gebrüder sollten trotz zwangsläufig gemeinsamer Studien von gegensätzlichstem Naturell sein: feste und vigilante Amtsperson der eine, der andere ein schlimmer Vogel; und dementsprechend das öffentliche Benehmen: Der Dualis habe mitunter einen seiner Köpfe zwischen die vier Beine gebeugt, um die Welt umgekehrt genau zu betrachten, während der andere sich über derart kindisches Verhalten schämte.

          Mit Jean Pauls Kapitelüberschrift „Die Doppeltgänger“ war der weitere Weg solcher Literaturfiguren vorgeschrieben. Durch Auslassung des Buchstabens t haben sich Vorläufer und Verwandte der nachfolgenden, wahrhaft siamesischen Zwillinge - Chang und Eng Bunker (1811 bis 1874) - dann zusehends ins Spiegelbildlich-Schattenhafte aufgelöst. Weil die anatomische Goldgrube der Koppelzwillinge schon so ausgeleert war, sei dort ohnehin nichts weiter auszubeuten gewesen als die psychologische Ader, war bei Jean Paul als vorausweisende Erklärung zu lesen. Andererseits hatten Anatomen und Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts bereits ausführlich die leiblichen Verdoppelungen - oder eben Koalitionen - in Betracht gezogen. Mit dem Geist verhalte es sich wie mit den Augen: Er sehe sich selbst nicht, hatte Denis Diderot 1751 geschrieben; Missgeburten mit zwei Köpfen könnten vielleicht Neues lehren.

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