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Was „Babylon Berlin“ lehrt : So kommt der Untergang der Weimarer Republik auf den Schirm

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Die „Kriegszitterer“ als emblematische Figuren

Mit Kriminalrat Ernst Gennat und dem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel treten in „Babylon Berlin“ auch historische Persönlichkeiten auf. Die Serie will ein breites Panorama der Zeit sein. Sie vereint das kriminelle Milieu Berlins, russische Exilanten und Feinde der Republik, zeigt individuelle Schicksale wie zwei Kriegszitterer, Witwen von Gefallenen des Weltkriegs und Anhänger der Freikörperkultur. Manches tickt sie nur an, anderes wird weiter ausgeführt.

Die Anknüpfungspunkte für ein Seminar sind vielfältig und nicht nur in der Geschichtswissenschaft zu suchen, denn auch filmhistorisch bezieht sich die Serie nicht nur im Drehbuch, sondern auch in ihrer Machart auf die Vergangenheit wie mit dem Ruttmann-Zitat. Interdisziplinär ließe sich beispielsweise zum Thema „Kriegszitterer“ auch die Medizin einbinden.

Aber statt die Serie nur auf ihre vermeintliche historische Authentizität zu überprüfen und ihre Erzählungen den wissenschaftlichen Fakten gegenüberzustellen, wäre eine weitere interessante Frage: Was wird eigentlich nicht dargestellt? Die Nationalsozialisten sind in der ersten Staffel der Serie kein Thema. Dabei erlangte die NSDAP 1929 reichsweit wieder Aufmerksamkeit, als sie zusammen mit der DNVP und dem Stahlhelm gegen den Young-Plan agitierte.

Leicht gesagt: verkehrte Politik

Die „große Politik“ taucht in der ersten Staffel von „Babylon Berlin“ nur am Rande am Zeitungskiosk auf, Außenminister Stresemann hat seinen Auftritt erst in der zweiten Staffel. Für eine Perspektive über Deutschland hinaus werden russische Spione, Exilanten und der sowjetische Botschafter gezeigt, gelegentlich fällt aber auch das Stichwort „Völkerbund“.

Das Berlin-Bild von „Babylon Berlin“ entspricht weitgehend dem schon im Titel aufgerufenen Klischee: Die Protagonisten schlafen kaum, das vielfältige Nachtleben schert sich nicht um den Paragraphen 175, mit Ausnahme von Gereon Rath scheinen die Kirchen kaum Einfluss auf die Protagonisten zu haben. Dass die Hauptstadt des Deutschen Reiches in diesem Reich vielleicht doch eher die Ausnahme als die Regel ist, wird nur am Rande an den zugezogenen Protagonisten wie Gereon Rath und Charlotte Ritters Freundin Greta Overbeck deutlich, die sich in diesem Babylon zunächst nur schwer zurechtfinden. Gerade dieser Aspekt der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen könnte im Seminar gut mit dem Heute abgeglichen werden. So sind Diskussionen über sexuelle Identität und deren rechtliche Bewertung hochaktuell.

Wie weit möchte Tykwer die Vergleichslinien ziehen? Bieten die Szenen vom „Blutmai“ und die Reaktion des Polizeipräsidenten visuelle und gedankliche Anknüpfungspunkte an Bilder von heutigen Demonstrationen und wären solche Assoziationen überhaupt berechtigt? Sind die Ziele der Kommunisten von damals die gleichen wie die der Antiglobalisierungsgegner von heute?

Auch die andere Seite führt die Serie mit den alten Eliten des Militärs als Feinde der Republik ein. In einer konspirativen Feierstunde zu Ehren der Toten aus dem Regiment wird dann auch einhellig die ursprünglich kommunistische Losung „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ ausgerufen. Babylonische Verwirrung der politischen Sprache oder gut erfundenes Zeichen für die Berührung der Extreme? Längst skandieren Demonstranten „Volksverräter“ wieder auf offener Straße. Was heute Querfront heißt, hat die Weimar-Forschung unter anderem am Berliner Straßenbahn-Streik von 1932 untersucht. Von ihm könnte eine spätere Staffel von „Babylon Berlin“ erzählen.

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