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Was „Babylon Berlin“ lehrt : So kommt der Untergang der Weimarer Republik auf den Schirm

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Adenauer verspricht Orientierung

Die historische Serie verpackt Geschichte in ein Format, das leicht zugänglich ist. Es erreicht auch Zuschauer, die sich nicht primär für den historischen Stoff interessieren. Gleichzeitig transportiert sie ein Bild der Vergangenheit und wird damit auch ein Teil der Erinnerungskultur. Die Erpressungsgeschichte um Konrad Adenauer verbindet das ferne Jahr 1929 mit der Bundesrepublik von heute, deren erster Bundeskanzler der damalige Kölner Oberbürgermeister war, und bietet so eine wenigstens dem Namen nach vertraute Figur für die Zuschauer.

Im Fall von „Babylon Berlin“ kommt die Serie zu einem Zeitpunkt, da immer wieder die Frage nach heutigen „Weimarer Verhältnissen“ gestellt wird. Tom Tykwer, einer der drei Regisseure der Serie, machte diese vermeintlichen Parallelen der Weimarer Republik zur politischen Gegenwart beim Filmfest in Rom noch einmal deutlich. 1929 habe sich niemand vorstellen können, wie radikal sich die Gesellschaft in nur dreieinhalb Jahren verändern sollte – auch heute wolle niemand glauben, dass Europa in fünf Jahren verschwunden sein könnte.

Wie viele Kommentatoren nennt Tykwer als Vorzeichen eines möglichen Untergangs der Demokratie den Brexit, den Wahlsieg Donald Trumps und die Wahlerfolge rechter Parteien. Zu der Frage, ob man heutige Verhältnisse mit der Weimarer Republik vergleichen kann, veröffentlichte diese Zeitung in diesem Jahr in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte eine Serie von Artikeln bekannter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ein solches Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichem Geschichtsinteresse und Geschichtswissenschaft findet auch Eingang in die Lehre. Unter dem Begriff „Public History“ wird diese Verbindung zwischen fachwissenschaftlichen Fragen und der breiten Rezeption von Geschichte an mehreren deutschen Universitäten gelehrt.

Der „Blutmai“ zum Beispiel

Ein Seminar zu „Babylon Berlin“ könnte ähnlich ablaufen wie das Seminar zu „Game of Thrones“ in Hamburg. Die Serie – wie auch die Buchreihe von Volker Kutscher – verwebt im Gegensatz zu „Game of Thrones“ historische Ereignisse mit der Fiktion. Der „Blutmai“ von 1929 ist ein Nebenschauplatz der Serie: Im Anschluss an die von der Berliner Polizei nicht genehmigten Maidemonstrationen der KPD tötete die Polizei 32 Personen.

Im Seminar könnte erörtert werden, wo die Serienhandlung sich mit den konkurrierenden Erzählungen überschneidet, die sich nach den Ereignissen sofort verbreiteten. Sowohl Polizei als auch Politik nutzten die Ereignisse für ihre Zwecke. In unmittelbarer Folge wurde der Rote Frontkämpferbund im Gebiet Preußen verboten. Die Kommunisten wiederum nutzten den Blutmai, um der SPD Verrat an der Arbeiterklasse vorzuwerfen.

Das Vorgehen der Polizei und deren Vertuschungsversuche finden in die Serie ebenso Eingang wie der von der KPD propagierte „Sozialfaschismus“ der SPD. Kommissar Rath und sein Kollege Bruno Wolter machen in vollem Bewusstsein Falschaussagen über den Tod von zwei Frauen bei den Demonstrationen. Auf der anderen Seite treten mit der Armenärztin Dr. Völker und dem jungen Kommunisten Fritz Protagonisten auf, die der SPD und dem Polizeiapparat vorwerfen, sie hätten die Situation mit voller Absicht eskalieren lassen. Die Polizei kommt in „Babylon Berlin“ in diesem Fall sehr schlecht weg. Zur Erinnerungsgeschichte der Ereignisse vom Mai 1929 gehören auch Forschungen von Historikern in der DDR.

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