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Stimmungen in der Literatur : Strom ohne Ursprung

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"Theorie" war in den vergangenen Jahrzehnten oft eine Camouflage von Emanzipationswünschen. Heute kommt der schlichte Leser wieder zu seinem Recht.

          Niemand liest die klassischen Romane der Moderne deshalb bis zur letzten Seite, weil er erfahren will, was den Protagonisten sonst noch zugestoßen ist und wie es am Ende mit ihnen steht. Auch in Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, im „Ulysses“ von Joyce oder in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ scheinen die Handlungsstrukturen, denen die Erzählung folgt, zurückzutreten. Gewiss, die oft komplizierten Geschichten lassen sich Schritt für Schritt verfolgen. Doch während wir lesen, behalten wir sie meist nur vage in Erinnerung. Offenbar ist die Handlung nur ein Teil der Wirkungen der Lektüre. Dies gilt auch für die gehobene Unterhaltungsliteratur der Gegenwart, für die Bücher von Umberto Eco, Patrick Süskind oder Tom Wolfe.

          Wenn man nun aber nicht primär auf Handlung ausgerichtet liest – „reading for the plot“ nannte es der amerikanische Literaturkritiker Peter Brooks –, worauf konzentriert sich dann die Lektüre? Die Literaturwissenschaft ist bei dieser Frage meist auf Akademisches ausgewichen: Sie stellt uns Prousts „Recherche“ als ein Exerzitium in phänomenologischer Philosophie vor, „Ulysses“ als eine Reflexion über die Grenzen des sprachlich Darstellbaren und den „Mann ohne Eigenschaften“ als ein Experiment zu Strukturvarianten der Subjektivität.

          Sehnsucht nach dem Konkreten

          Natürlich ist gegen solche Vorschläge nichts einzuwenden. Aber treffen sie wirklich die Faszination der nichtprofessionellen Leser? Ist es nicht plausibler anzunehmen, dass diese sich zunächst von der Handlung führen lassen, dann aber immer stärker durch andere Ebenen der Imagination und der affektiven Teilnahme angezogen werden? Diese andere Dimension ist wohl vor allem das Gefühl, in exotische, verlorene oder auch vertraute Welten des Konkreten einzutauchen, etwa in das Paris der Aristokraten und Ästheten nach 1900, in das Wien der Großbürger und höheren Beamten, in das Dublin der Intellektuellen und Kleriker.

          Freilich reicht es nicht aus, solche Welten nach ihrem sozialhistorischen Index aufzufassen. Vor allem erscheinen sie als Konfigurationen von Farben, Gerüchen, Formen, Klängen. Erst wenn man diese Schicht konkreter Sinnlichkeit wahrnimmt, wird deutlich, dass Literatur uns immer wieder das Gefühl gibt, eingehüllt und beinahe physisch angerührt zu sein von der in der Fiktion evozierten Materialität. Diesen Effekt Stimmung zu nennen folgt einer Tradition des deutschen Idealismus, der mit dem Begriff eine Vermittlung zwischen Verstand und Sinnlichkeit in den Blick bringen wollte.

          Sollte Stimmung also schon seit langem in der Erfahrung von Literatur eine so wichtige Rolle spielen, wie lässt sich dann erklären, dass diese Dimension in den poetologischen und ästhetischen Diskussionen nur am Rande erwähnt wird? Genauer: wie konnte die Feststellung, dass eine jedem Anflug von Stimmung gegenüber resistente geistige Atmosphäre die Stimmung der Zeit sei – dieses Paradoxon stammt von Gottfried Benn –, seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Konsens werden, und warum ist dieser Konsens in der jüngsten Vergangenheit brüchig geworden?

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