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Sprachwissenschaft : Vollkommen nutzlos für den Unterricht?

  • -Aktualisiert am

Ich geh Schule: In der Linguistik gibt es einen Exotismus der grammatischen Fehler. Die Erwartung, Regeln sollten eingehalten werden, wird als Diskriminierung von Unterschichten und Migranten betrachtet.

          5 Min.

          Im Unterbau der deutschen Sprache knirscht es. Nicht nur im Umgangsdeutsch, sondern auch in formelleren Texten kommt die Grammatik immer stärker ins Rutschen. Da „bedarf es einem präzisen Regulierungsapparat“, man hat „Vertrauen für den Lehrer“, es gibt „Streit mit den Nachbar“, man „ratet ab“, Gebühren „werden erhebt“, und abends „gehn wir Disko“ - vertauschte Fälle, verbeugte Verben, falsche Präpositionen und andere Irrläufer scheinen ein Symptom für die langsame Erosion des gesamten Systems zu sein.

          Journalistische Sprachkritiker geißeln eine zunehmende „Verlotterung“ der Sprache und erfreuen sich mit ihren Ratschlägen für richtiges Deutsch größter Beliebtheit. Die zünftige Sprachwissenschaft hält das zwar für Alarmismus und halbgebildete Schulmeisterei. Aber auch sie konstatiert, dass der permanent stattfindende Sprachwandel sein früheres Schneckentempo abgelegt und Fahrt aufgenommen hat. Viele der aktuellen Regelverstöße machen einen Trend sichtbar, der schon seit Jahrhunderten schleichend wirkt: die Verschleifung und Vereinfachung der indogermanischen Sprachen. Schritt für Schritt wechseln sie vom „synthetischen“ zum „analytischen“ Sprachtyp. Grammatische Bedeutungen werden zunehmend nicht mehr durch Endungen direkt im Wort ausgedrückt, sondern durch Umschreibungen und Hilfswörter. Aus dem „Haus meines Vaters“ wird das „Haus von meinem Vater“ und schließlich das „Haus von mein Vater“. Das Englische ist hier dem Deutschen weit voraus.

          Warum verstärken sich solche Tendenzen gerade jetzt? Zum Bündel der Ursachen gehört der Einfluss des Englischen ebenso wie das „Schreibsprechen“ in den E-Mails und Chat-Foren mit seiner Durchmischung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Hinzu kommt eine allgemeine „Destandardisierung“. Während auf der einen Seite die Dialekte zunehmend einem regional gefärbten Umgangsdeutsch weichen, büßen andererseits die Normen der Hoch- und Bildungssprache zumindest in der mündlichen Kommunikation ihre Geltung ein. Wer auf ihnen beharrt, gilt leicht als verspannter Spießer. In einem gesellschaftlichen Klima obligatorischer Lockerheit, geprägt durch das Geschwätz der Talk- und Casting-Shows, kommt man umgangssprachlich einfach „besser rüber“.

          Gehst Du Schule?

          Doch die wichtigste Triebkraft des sprachlichen Umbruchs wird bislang häufig übersehen, meint der Leipziger Sprachwissenschaftler Uwe Hinrichs: Es sind die vielfältigen Sprachmischungen, die das Einwanderungsland Deutschland mittlerweile prägen („Sprachwandel oder Sprachverfall?“ in: Muttersprache 1/2009). Viele Einwanderer springen zwischen einem nur bruchstückhaft gelernten Deutsch und ihrer türkischen, arabischen oder russischen Muttersprache hin und her. Sie schleifen Endungen ab und vereinfachen Satzstrukturen. Entscheidend ist, dass die elementare Verständigung funktioniert, für Feinheiten bleibt wenig Raum. Diese Muster, so die Prognose, werden sich auch jenseits der Immi-grantenmilieus immer weiter ausbreiten.

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