https://www.faz.net/-gqz-12xoh

Sprachevolution : Hamsamsa ohne Darwin

  • -Aktualisiert am

Lässt sich vom Giraffenhals auf die Modalitäten des Sprachwandels schließen? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wer sich von Evolutionsbiologen Auskunft über die Gesetze des Sprachwandels erhofft, darf nicht bei Darwin nachfragen. Wer es mit dem aus der Mode gekommenen des Evolutionstheoretiker Lamarck versucht, könnte mehr Erfolg haben.

          Zu den ältesten Trittbrettfahrern der Evolutionsbiologie gehört die Sprachwissenschaft. Metaphern wie Abstammung, Familie, Art und Verwandtschaft inspirierten die Linguisten des neunzehnten Jahrhunderts dazu, mächtige Stammbäume zu zeichnen, in denen die modernen Sprachen als die jüngsten Zweige in verästelten Kronen erscheinen. August Schleicher, ein Pionier der Indogermanistik, sah in seiner Wissenschaft sogar ein Modell, von dem Darwins Theoriebildung profitieren könnte.

          Heute zapft der Linguo-Darwinismus die molekularbiologischen Begriffsfelder der modernen Evolutionslehre an, um zu erklären, warum Sprache sich ändert. Wenn das Dativ-e untergeht (dem Kind statt dem Kinde), die regelmäßige Konjugation immer mehr an Boden gewinnt (fechtete statt focht), wenn alles „cool“ und „geil“ ist während „dufte“, „prima“ und „knorke“ nur noch als verstaubte Präparate im Wortmuseum existieren, wenn ganze Dialekte und Sprachen untergehen, dann sehen darwinistische Linguisten die unbarmherzigen Mechanismen von genetischer Mutation und Selektion am Werke.

          Diffuse Vergleichsgrößen

          Doch während die Evolutionsbiologie sich längst als eine der erfolgreichsten wissenschaftlichen Theorien überhaupt bewährt hat, gehört die Evolutionslinguistik zu den mit Prätentionen gepflasterten Sackgassen der Wissenschaftsgeschichte. So lautet das Fazit, das Guy Deutscher von der Universität Leiden kürzlich in Hamburg zog. Deutscher ist einem breiteren Publikum durch sein Buch „Du Jane, ich Goethe“ bekannt geworden, in dem er die Mechanismen erläutert, die der Entwicklung und Veränderung von Sprachen zugrunde liegen. Für sein harsches Urteil gibt es gute Gründe: Der große theoretische Wurf, als der die Biologisierung der Sprachgeschichte zunächst erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Flickwerk unklarer Analogien, ein erborgter Begriffsapparat, der leer vor sich hinklappert.

          So ist schon die linguistische Vergleichsgröße der Gene unklar: Mal sind es einzelne Laute, dann wieder Wörter oder grammatische Konstruktionen, die als sprachliche „Gene“ firmieren; manchmal sind die konkreten Äußerungen gemeint, dann wieder ihre Repräsentationen im Gehirn. Auch die Rolle der Sprecher als „Organismen ist diffus, denn von einem Konkurrenzkampf im Sinne eines biologischen Selektionsdrucks kann in den technisierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts kaum die Rede sein. Die Evolutionsbiologie wirft kein Licht auf die sprachlichen Sachverhalte, sondern verdunkelt sie.

          Probier's mal mit Lamarck

          Während Darwin also aus der Linguistik verabschiedet wird, holt Deutscher einen anderen Evolutionstheoretiker aus der Versenkung, der eigentlich zu den Verlierern der Wissenschaftsgeschichte gehört: Jean-Baptiste Lamarck, der behauptete, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden. Danach trägt die heutige Giraffe ihren Kopf so hoch, weil ihre Vorfahren sich nach den Blättern reckten und so ihren Nachkommen einen verlängerten Hals vererbten, der nun von Generation zu Generation weiter hinauf ragte.

          Während Lamarcks Theorie in der Biologie schon lange keine Rolle mehr spielt – von einem trüben Intermezzo unter Stalin abgesehen –, passt sie auf den Sprachwandel recht gut. Hier nämlich werden erworbene Veränderungen tatsächlich „vererbt“: Wenn nur genügend Leute „dem Autoren“ statt „dem Autor“ sagen, wird das in der nächsten Generation als korrekter Sprachgebrauch gelten. Und sollte das türkisch eingefärbte Kiez-Deutsch sich auch in gutbürgerlichen Gefilden durchsetzen, werden „isch“ und „nisch“ im Duden der Zukunft stehen, während „ich“ und „nicht“ aufs Altenteil gehen.

          Zu Lamarck passt auch, dass Sprachveränderungen sich keineswegs zufällig wie genetische Mutationen ereignen. Hinter ihnen stehen vielmehr unterschiedliche Motive. Eines ist die Sprachökonomie, vulgo Maulfaulheit. Von dieser Neigung, oft verwendete Wörter zu verschleifen, lebt die alte Scherzfrage nach einem Satz mit „Hamsamsa“: Hamsamsamstach Schalkenullvier gesehn?

          Immerwährender Kreislauf der Sprachen

          Doch die Sprecher sparen nicht nur, sie prassen auch. Gern spendieren sie ein „nicht im Geringsten“ oder „mit bestem Dank“ statt eines schlichten „nicht“ oder „danke“. Dieser Wunsch nach Expressivität bringt auch Verstärkervokabeln wie „geil“, „wahnsinnig“ oder „brutal“ hervor, die allerdings durch inflationären Gebrauch ihren Kraftmeiereffekt schnell verlieren. Die dritte Triebkraft des Sprachwandels ist der Wunsch nach Regelmäßigkeit: Er machte „pflag“ und „pflog“ zu „pflegte“ und führt gegenwärtig „fechtet“ und „fechtete“ zum Sieg über „ficht“ und „focht“.

          Sprachverfall kann es Deutscher zufolge nicht geben, weil Ökonomie einerseits und Expressivität andererseits sich auf Dauer immer wieder ausgleichen. Was an der einen Stelle wegfällt, wird an der anderen wieder angefügt. Für viele Sprachen in der Welt trifft das zu. Die Entwicklung der indogermanischen Sprachen allerdings widerspricht diesem beruhigenden Bild vom immerwährenden Kreislauf: Deren Wörter haben die reiche Vielfalt ihrer grammatischen Endungen, von denen Latein noch eine Ahnung vermittelt, weitgehend verloren. Am weitesten fortgeschritten ist das Englische, Deutsch und andere Sprachen folgen, Gegenkräfte gibt es kaum.

          Deutscher vermutet gesellschaftliche Gründe: Oft sind es kleinere, überschaubare Gemeinschaften, deren Sprachen besonders komplizierte Wortstrukturen aufweisen. Große Gesellschaften dagegen, in denen es viele Kontakte zu Sprechern anderer Dialekte und Sprachen gibt, unterliegen einem stärkeren Druck zur Vereinfachung. Der schleift vor allem die Deklinationen und Konjugationen ab, weil diese Bereiche Fremdsprachlern die größten Schwierigkeiten bereiten. Das könnte immerhin „ein Teil der Geschichte“ sein, hofft Deutscher. Der andere Teil müsste dann allerdings erklären, warum gerade eine so formenreiche Sprache wie Latein sich so lange als Weltsprache halten konnte.

          Weitere Themen

          Zukunft von Italiens Regierung weiter in der Schwebe Video-Seite öffnen

          Nach Misstrauensantrag : Zukunft von Italiens Regierung weiter in der Schwebe

          Italien harrt weiter einer Lösung für die Regierungskrise. Die Fraktionschefs des Senats konnten sich nicht auf einen Zeitplan über das weitere Vorgehen nach dem Misstrauensantrag gegen Ministerpräsident Guiseppe Conte einigen. Nun soll der komplette Senat über einen Termin für ein mögliches Misstrauensvotum entscheiden.

          Spielspaß mit geballten Fäusten

          Lucerne Festival : Spielspaß mit geballten Fäusten

          Wo Nebensachen im Mittelpunkt erstrahlen: Beim Lucerne Festival glänzt Igor Levit mit Beethoven, Marianna Bednarska begeistert als Pantomimin und am Marimbaphon.

          Topmeldungen

          Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Start der siebzehnten Vogtland-Veteranenrallye.

          AKK und Maaßen in Sachsen : Er war schon vor ihr da

          Annegret Kramp-Karrenbauer macht im sächsischen Vogtland Wahlkampf. Auch Hans-Georg Maaßen war dort schon für die CDU unterwegs – und sorgte dafür, dass für den Bundestagsabgeordneten Heinz eine Welt zusammenbrach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.