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Der Sound des Jahrhunderts : Als der Lärm den Laut verschluckte

Hitlers Rundfunkdebüt am 1. Februar 1933 war akustisch ein Reinfall: Seine Stimme habe „kasernenhofartig, unsympathisch und gar nicht deutsch geklungen“ Bild: Archiv

Vom mechanischen Klappern zum elektronischen Fiepen: Das zwanzigste Jahrhundert erlebte akustische Zäsuren wie keine Zeit zuvor. Was war der charakteristische Sound des Jahrhunderts?

          4 Min.

          Das Ohr hört anders, als das Auge sieht. Nach einer verbreiteten (und etwas vereinfachten) Anschauung gilt der Blick als sinnliches Vollzugsorgan des Intellekts, der die Reize der Außenwelt rational filtert, während das Gehör ein Organ des Inneren ist, ein direkter Draht zum unbewussten, mythischen Erleben. Gleichzeitig ist der Klang mehr als seine sinnliche Gestalt. Lag es an seiner schwachen Stimme, dass Bismarck das Parlament verachtete? Hätte Hitler ohne Lautsprecher den NS-Staat schaffen können?

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine akustische Bilanz des zwanzigsten Jahrhunderts steht vor einem breiten Spektrum: Sie hat es mit subtilen politisch konnotierten Geräuschen zu tun wie dem verräterischen Knacken in der Leitung der DDR-Telefone, mit nationalen Erweckungsrufen wie dem Berner Torjubel, mit zwinkernden Markensounds wie dem „Da da da di damm“ der Telekom oder den gravitätischen Fanfarenstößen der „Tagesschau“. Manches kommt neu hinzu wie das Klacken von High Heels. Anderes kommt und geht, wie das Kratzen der Platte, das Hämmern der Tasten, das Rauschen im Telefon. Drittes verwandelt sich: Das Telefon wurde zunächst vor allem zum Musikhören verwendet.

          Nach Marshall McLuhan wird die Post-Gutenberg-Galaxis nicht mehr von der rationalen Ordnung des Buches, sondern vom Verschmelzen mit dem audiovisuellen Ambiente bestimmt sein. Es ist also keine Themenverlegenheit, dass die Geschichtswissenschaft die Soundgeschichte für sich entdeckt hat. Sound meint nicht Musik, sondern alle akustischen Phänomene, gleich ob harmonischer oder disharmonischer Schwingung. Quellenbedingt beginnt die Soundgeschichte erst richtig mit der Aufzeichnung des Klangs durch Edisons Phonographen, also 1876.

          Es gibt kein Nebengeräusch

          Seit der Industrialisierung ist sie vor allem ein Übergang vom natürlichen zum technischen Klang, von unwiederbringlichen zu reproduzierbaren Geräuschen. Ein künstlicher Klangteppich legt sich über die Welt. In der ersten Jahrhunderthälfte wird er allgemein, durch Lautsprecher und Radios, im zweiten zieht er sich über Walkman und Smartphone teilweise zurück in Privatkosmen.

          Die Geschichte der Klangaufzeichnung beginnt mit Thomas Edisons Zinnfolienphonographen
          Die Geschichte der Klangaufzeichnung beginnt mit Thomas Edisons Zinnfolienphonographen : Bild: dapd

          Poststrukturalistisch orientiert, mied die Soundgeschichte bisher klare Zäsuren um den Preis, ein diffuses Feld zu hinterlassen. Die grobe Orientierung stiftete die Unterscheidung des kanadischen Komponisten und Klangforschers R. Murray Schafer zwischen einer distinkten HiFi-Soundscape der vorindustriellen Welt und einer flächigen Lofi-Kulisse der industrialisierten, in der das einzelne Geräusch in einem breiten Klangteppich versinkt. Auch sie ist wegen ihres kulturkritischen Akzents umstritten.

          Mit dem Kompendium „Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen - 1889 bis heute“ (Bonn 2013) haben die Herausgeber Gerhard Paul und Ralph Schock jetzt erstmals eine Synthese vorgelegt, die, abgesehen vom kataloghaften Layout, kaum genug zu loben ist. Das akustische Geschehen ist entlang politischer Etappen gegliedert: von der Jahrhundertwende über die Roaring Twenties, die Weltkriege, den Sound des Kalten Krieges bis zu den digitalen Klanglandschaften. In kurzen, pointiert geschriebenen Essays, die nah an der Kultur-, der Musik-, der Mediengeschichte oder einer akustisch akzentuierten Politikgeschichte bleiben, wird das Jahrhundert dicht erschlossen. Klang erscheint oft, aber nicht ausschließlich, als Vehikel von Politik und Ideologie. Das spezifisch Akustische zu präparieren gelingt den Beiträgen unterschiedlich gut. Selten ist es aber reines Nebengeräusch.

          Der Klang der Großstadt und der Kriege

          Das Buch bestimmt die Jahrhundertwende als Sattelzeit, in der sich mit dem Umbruch vom natürlichen zum technischen Klang ein radikaler Sinneswandel vollzog. Die Trennung von der physischen Quelle und die separate Speicherung erlaubten es, Klänge differenzierter zu erfahren. Außerdem wird es lauter. Der 1880 einsetzende Autoverkehr war 1907 schon laut genug für den Markterfolg von Ohropax. Der im Jahrhundertverlauf kontinuierlich steigende Lärmpegel lässt sich an der zunehmenden Dezibelstärke der Sirenen erkennen, die eine steigende Geräuschkulisse übertönen mussten. In der ersten Dekade wird Lärm zum öffentlichen Ärgernis. Lärmvereine entstehen. Als Feind der verfeinerten Wahrnehmung gilt er aber schon länger. Lärmempfindlichkeit ist auch ein Intellektuellenprivileg.

          Die erste Jahrhunderthälfte hat relativ klare akustische Konturen. Sie ist von den Hörstürzen der Weltkriege gekennzeichnet, dazwischen liegt der großstädtische Verkehrslärm und der Variétéklang der zwanziger Jahre. War der Erste Weltkrieg noch auf die Schlachtfelder begrenzt, so wurde der Zweite zu einer breitflächigen Belagerung des Trommelfells. Lärm war eine doppelte Waffe: als Soundverstärker der Fliegerschwadronen und als Propagandainstrument, das die Massen über Mikrofon und Lautsprecher synchronisierte.

          Filmplakat zu Walther Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“ vom 1927
          Filmplakat zu Walther Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“ vom 1927 : Bild: Archiv

          Das Buch zieht der auditiven Manipulation durch das NS-Regime aber Grenzen: Flächendeckend kam die Lautsprechertechnik nicht zum Einsatz. Und das Radio wurde weniger zur Indoktrinierung als zur Unterhaltung genutzt.

          Von der Schallplatte zum Digitalzeitalter

          Schwerer lässt sich der Kalte Krieg auf den Begriff bringen. Zu den akustischen Erinnerungsmarken zählt das Buch Kennedys Berliner Rede, den Schlagersound der Fünfziger, die Sprechchöre der Studentenrevolte und die politischen Lieder der Bürgerrechtsbewegung. Als paradigmatisches Hörerlebnis des Kalten Krieges gilt die amerikanische Popmusik, die auch im Osten Gehör fand. Die sechziger Jahre gelten als besonders laute Dekade. Das Düsenzeitalter beginnt, der Verkehr wird größer, die Motoren und Triebwerke aber bald schon wieder leiser. Dauerbeschallung gibt es schon seit den dreißiger Jahren, als die amerikanische Firma Muzak die verkaufssteigernde Wirkung von Hintergrundmusik erkannte. Markensounds und Soundlogos tragen sich später auf der kommerziellen Klangtapete ein. Gleichzeitig wird das Hörerlebnis durch die tragbaren Musikgeräte individuell. Das macht die Besonderheit des Stadiongesangs aus, eines der wenigen Refugien des akustischen Kollektivs.

          Besonders im zwanzigsten Jahrhundert ist Soundgeschichte auch Mediengeschichte. Das Buch ist nicht in erster Linie vom technischen Fortschritt inspiriert, zeichnet die entscheidenden Etappen aber übersichtlich nach: wie Carusos Klangaufnahmen der Schallplatte zum Durchbruch verhalfen, wie mit der Elektronenröhre die Unterhaltungsindustrie aufkam oder High Fidelity die Gegenkulturen stimulierte. Musik wird körperlicher. Politische Rebellion und sexuelle Emanzipation lassen sich rein akustisch formulieren.

          Mit der Rockmusik betritt die industrialisierte Welt die große Bühne - während sie in der E-Musik schon wieder abtritt, wo sich das industrielle Geräusch, von der Neuen Musik kunstfähig gemacht, zu Tode emanzipiert hatte. Besondere Stärken hat das Buch, wo es den Reflex neuer Klänge in der Kunst beschreibt, wie die Literarisierung der akustischen Gewalt des Weltkrieges durch die Lautpoesie (etwa Jandls „Schtzngrmm“ als poetisches Destillat des Schützengräben-Akustik).

          Gibt es einen charakteristischen Klang des Digitalzeitalters? Es wäre auf jeden Fall ein synthetischer, errechneter Sound, vielleicht aus dem Schattenreich der Telefonwarteschleifen, der GPS-Kommandos und Klingeltöne oder das Hintergrundklappern der Tastaturen. Wie tief der künstliche Klang ins Leben eindringt, zeigt sich am Dauerton, der auf den Intensivstationen das Ableben verkündet. Legion sind die Abgesänge auf den kaputtgerechneten MP3-Sound, der die Musik um Höhen und Tiefen beschneidet. Die Beiträge zum digitalen Klang sind etwas spröde. Die Technobewegung fehlt ganz. Das ist aber einer der wenigen Mängel eines Buches, das seine methodisch Offenheit für eine vibrierende Collage nutzt - und für die noch junge Soundgeschichte einen Standard setzt.

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