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: Schwerter, bei der Hochzeit gezogen

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Manch ein Vorurteil hält sich hartnäckig selbst in Wissensbereichen, von denen man annehmen möchte, daß sie von der historischen Forschung längst erschlossen seien. Ein solches war bis vor kurzem die ...

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          Manch ein Vorurteil hält sich hartnäckig selbst in Wissensbereichen, von denen man annehmen möchte, daß sie von der historischen Forschung längst erschlossen seien. Ein solches war bis vor kurzem die Annahme, Europas Juden seien im Mittelalter zu passivem Opferverhalten auch deshalb gezwungen gewesen, weil ihnen der Gebrauch von Waffen verwehrt war. Daß dieses Vorurteil nicht zuletzt auch eine Nachwirkung der nationalsozialistischen Propaganda war, die den Juden "Kampfunfähigkeit" unterstellt hatte, ist nicht auszuschließen. Nun hat man die Frage nach dem Waffengebrauch von Juden im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Deutschland neu gestellt. Die Ergebnisse präsentiert die Zeitschrift "Aschkenas" in ihrer jüngsten Ausgabe mit dem Schwerpunkt "Juden und Waffen" (Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Jg. 13, Heft 1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 2003).

          Schon im römischen Imperium klafften, wie Helmut Castritius schildert, die Gesetzgebung, die den Militärdienst von Juden einschränken sollte, und die Praxis auseinander. So dienten Juden nicht nur im römischen Heer. Vor allem in spätrömischer Zeit gab es ganze Einheiten, die nur aus jüdischen Soldaten bestanden, die innerhalb der Städte zur Abwehr der Germanenüberfälle eingezogen wurden. Im Mittelalter war der Waffengebrauch von Juden rechtlich ähnlich geregelt. Landfriedensordnungen und Gesetzesfixierungen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts versuchten zwar, Juden aus dem Kreis Waffen tragender Personen auszuschließen.

          Doch auch hier sah der Alltag anders aus. In den Städten war es selbstverständlich, daß Juden Waffen besaßen und mit diesen umzugehen wußten. Denn in Kriegszeiten mußten sich auch die Juden an der Verteidigung der Stadtanlagen beteiligen. Die zahlreichen Quellen, die Christine Magin und Markus J. Wenninger in Stichproben ausgewertet haben, werfen ein völlig neues Licht auf die Integration der Juden in das städtisch-christliche Umfeld. Jüdische Waffenträger finden sich allenthalben, ob als Ritter, Söldner, bewaffnete Reisende, Angehörige der städtischen Milizen oder als Waffenhändler und -produzenten, sogar in einem Bereich also, aus dem sie laut der mittelalterlichen Gesetzgeber eigentlich ausgeschlossen waren.

          Der Mediävist Wenniger weist darauf hin, daß die dokumentierten rechtlichen Versuche, den Waffenbesitz bei Juden einzuschränken, keineswegs in einem militärischen, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten sind. Das Tragen von Waffen war ein Statussymbol der gehobenen Schicht, auch innerhalb der Städte. Der soziale Aufstieg der Juden versetzte sie in die Lage, Waffen zu erwerben. Von der gehobenen städtischen Schicht und dem Adel als mehr oder minder gleichrangig toleriert, scheint es gang und gäbe gewesen zu sein, daß auch Juden in der Öffentlichkeit Schwerter zu tragen pflegten. Versuche, das Waffentragen in einem engen Rahmen zu halten, muß man, so Wenninger, als Ausdruck von städtischen Machtkämpfen verstehen, die nicht den Waffenbesitz an sich betrafen, sondern eher seine Funktion als Statussymbol.

          Auch in anderen Bereichen sind Juden als Waffenträger gut dokumentiert. So trugen sie nicht nur Fehden aus, mit Juden ebenso wie mit Christen, und galten durchaus als "fehdefähig". Auch auf Fechtturnieren waren jüdische Teilnehmer keine Seltenheit. In den Quellen werden immer wieder auch jüdische Fechtmeister erwähnt, deren Kunstfertigkeit gefragt war: Einem gewissen Joseph Schirner, der 1385 vom Würzburger Erzbischof Adolf von Mainz samt Familie und Dienstboten steuer- und dienstfrei im Erzstift aufgenommen wurde, war es fortan verboten, ohne Einwilligung des Erzbischofs Fechtunterricht zu erteilen. Und auch unter den bekanntesten Autoren mittelalterlicher Fechtbücher befanden sich Juden - einer der berühmtesten war "Meister Lew".

          Daß im Mittelalter der bewaffnete Jude für die christlichen Zeitgenossen ein selbstverständliches Bild war, veranschaulicht ein Beispiel aus dem Zürich des ausgehenden vierzehnten Jahrhunderts. Auf einer jüdischen Hochzeit, zu der auch untereinander verfeindete Familien eingeladen waren, kam es zu Streitereien, in deren Verlauf als Drohgebärde Schwerter gezückt wurden - ein eindeutiger Verstoß gegen den geltenden Verhaltenskodex der Zeit. Das Zürcher Ratsgericht störte sich bei der anschließenden Untersuchung des Vorfalls nicht daran, daß die jüdischen Hochzeitsgäste Schwerter getragen hatten, sondern nur daran, daß sie signalisiert hatten, von diesen Gebrauch zu machen.

          Auch in zahlreichen anderen Fällen, in denen Juden in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt waren, stand bei den Gerichtsverfahren nicht der Waffenbesitz als solcher zur Debatte, sondern die genauen Umstände des Waffengebrauchs. Daß im Spätmittelalter Juden im städtischen Bereich immer seltener als Waffenträger dokumentiert sind, hängt, so Wenniger, damit zusammen, daß sie nun häufiger von der Möglichkeit Gebrauch gemacht hatten, sich von der Verteidigungspflicht freizukaufen - was übrigens nicht nur von Juden praktiziert wurde. Ähnliches berichtet Stefan Litt im selben Heft auch in bezug auf das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert in Deutschland. Obgleich in den Quellen dieser Zeit keine Rechtsbestimmungen zum Waffenbesitz der Juden, etwa in den Reichspolizeiordnungen, zu finden waren, gab es - wie im Mittelalter auch - in den Städten unterschiedliche Einschränkungen.

          So untersagte die Judenordnung der Markgrafschaft Burgau von 1534 im Rahmen der Kleiderordnung den Juden das Tragen von Waffen innerhalb von Ortschaften; sie hatten diese für die Zeit ihres Aufenthalts in der Herberge zu deponieren. Nur wenige Jahre später, im Jahr 1538, wurde hingegen vor der Kanzlei in Kassel eine tätliche Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen Arzt Joseph und dem Christen Hensel verhandelt. Im Streit hatte der Arzt sein Gegenüber mit seiner Partisane, einem längeren Spieß, bedroht, woraufhin Hensel seinen Degen nach dem Gegner schleuderte. Die Schlichter, die die Streitparteien zu versöhnen trachteten, stießen sich weder daran, daß der jüdische Arzt eine Waffe trug, noch daß es sich bei dieser um eine besonders gefährliche handelte. JOSEPH CROITORU

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