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Russlands Strategie : Spielt Putin Schach?

„Wenn ich so ziehe, kann er dies erwidern, dann mache ich das, aber dann kommt vielleicht dies...“: In politischen Analysen wird Putins Handeln oft mit einem Schachspiel verglichen. Bild: dpa

Analytiker der russischen Krim-Annexion greifen gern zu solchen Metaphern: Spielt Putin Schach und der Westen Monopoly? Sie ergeben jedoch ein falsches Bild und zeigen lediglich die Grenzen der Spieltheorie auf.

          Es war jetzt mehrfach in Analysen der politischen Strategien nach der Krim-Annexion zu lesen, Putin spiele Schach, der Westen Monopoly. Das Bild verbreitet sich rasch. Klingt ja auch anregend, aber was soll es bedeuten? Zunächst könnte man vermuten, dass es sagen will: Putin spielt irgendwie das schwierigere und zugleich konzentriertere Spiel.

          Das mit einem klaren Feindbild. Das, bei dem es nicht nur um Haben, sondern auch um Sein und Zeit geht, um Tempogewinne, Flügelvorstöße, bei dem Opfer sich lohnen. Das, bei dem man viel weiter überlegen muss: „Wenn ich so ziehe, kann er dies erwidern, dann mache ich das, aber dann kommt vielleicht dies. . .“ Schach gilt als geistig anstrengend, von Monopoly hat das noch niemand behauptet.

          Geopolitiker haben es seit längerem schon mit der Spieltheorie. Der Ökonom Tyler Cowen, der oft am schnellsten ist, wenn es um anspruchslose Anwendungen geht, hat sich in der „New York Times“ entsprechende Gedanken zur Krim-Krise gemacht. Ob sie alles sind, was diese Disziplin anzubieten hat? Über den Informationsgehalt von Sprichworten wie „Die Drohung ist stärker als die Ausführung“, „Es ist stets günstiger, die Steine des Gegners zu opfern“ oder „Der vorletzte Fehler gewinnt“, wie sie unter Schachspielern seit Savielly Tartakower (1887 bis 1956) Folklore sind, kommen sie nicht hinaus.

          Am Ende kriegt einer alles

          Da überlegt Cowen, ob die Ukraine heute nicht besser dastünde, wenn sie die Atomwaffen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion auf ihrem Territorium waren, damals nicht aufgegeben hätte. Oder es wird unter dem Titel „Abschreckung durch Märkte“ gehofft, dass wirtschaftliche Reaktionen - fallender Rubel, steigende Zinsen, unsichere Energieerlöse - Russland disziplinieren könnten.

          Ein Kolumnist des „Economist“ hat zu Recht erwidert, dass Putins Freunde in der Oligarchie vermutlich kein Problem mit dem Insider-Handel haben und über Börsenkurse, die Putins eigenen Entscheidungen folgen, vermutlich nur lachen. Garry Kasparow, der ehemalige Schachweltmeister und Putin-Gegner, meint hingegen, nur echte und wahrgemachte Drohungen weit über die bisher angekündigten hinaus könnten Russland beeindrucken. Aber muss man Schachspieler oder Spieltheoretiker sein, um darauf zu kommen?

          Für den „Economist“ wiederum ist nach den Begriffen der Spieltheorie Schach ein eher einfaches Spiel: Ein Zwei-Personen-Nullsummen-Spiel, in dem die eine Seite gewinnt, was die andere verliert. Monopoly wäre komplizierter, denn es nehmen nicht nur mehr Spieler daran teil, weswegen man gegen Dritte koalieren kann, es gibt auch drei Arten von Gewinn: Grundstücke („Straßen“), Immobilien („Hotels“) und Geld. Allerdings, konzediert der „Economist“, sammelt auch hier am Ende einer alles ein. Dann wäre der Unterschied zu Schach so groß nun auch wieder nicht, denn auch dort gibt es verschiedene Zwischenziele (Materialgewinn, Zeitgewinn, Initiative).

          Russischer Nationalsport gegen kapitalistisches Montessori-Material

          Dass Putin Schach und der Westen Monopoly spielt, ist also eine der Metaphern, die sich in den Tastaturen festsetzen, unabhängig davon, wie gut sie die Sache treffen. Am wichtigsten dafür ist wohl, dass Schach als russischer Nationalsport gilt, Monopoly als eine Art kapitalistisches Montessori-Material. Historisch wird der Schachvergleich aber in einem Moment gezogen, in dem beispiellos wenige Russen unter den weltbesten Schachspielern zu finden sind.

          Unter den ersten zehn sind es derzeit gerade mal drei, unter den ersten fünfzig sind dreizehn Russen - und sieben Ukrainer. Wo früher zwar auch nicht „Russland“, sondern die Sowjetunion dominierte und sich nur niemand fragte, wo Tigran Petrosjan, Michail Tal oder Efim Geller eigentlich genau herkamen, sind heute die mit Abstand besten Spieler ein Norweger und ein Armenier, unter den Top Ten finden sich ein Bulgare, ein Italiener, ein Inder, ein Amerikaner und ein Franzose.

          Nicht einmal hier also funktioniert die Metapher; dass die besten Schachspieler auch begnadet gut pokern, einmal beiseite. Vor allem aber gilt, was der Schach-Soziologe Eric Leifer notiert hat: Alle Spiele, die von der Spieltheorie begriffen werden können, muss man nicht mehr spielen - man kann ausrechnen, wer gewinnt. Für Schach gilt das nicht, für „internationaler Konflikt“ auch nicht.

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