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Ricarda Huch, neu zu entdecken : Reich, Romantik und Rätesystem

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Bildnis der Künstlerin als junge Frau: Ricarda Huch (1864 bis 1947) Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Was ist deutsch? Und was ist modern an den Deutschen? Die neu zu entdeckende Schriftstellerin Ricarda Huch hat eine der klügsten Antworten auf diese Fragen gegeben.

          In seinem Buch „Die Kritik der Romantik“ geht Karl Heinz Bohrer von der seit Hegel, Heine und Marx vorherrschenden These aus, das romantische Denken, im Sinne eines Kults des Irrationalen und Restaurativen, habe das deutsche Bewusstseins während des neunzehnten Jahrhunderts und noch darüber hinaus beherrscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese Tradition in Georg Lukács, der im Nationalsozialismus das „letzte Zerfallsprodukt der Romantik“ sieht, ihren prominentesten Vertreter gefunden.

          In der Folge dieser Brachialkritik sind die beiden Errungenschaften, in denen Bohrer den entscheidenden Beitrag des romantischen Bewusstseins zum Durchbruch der Moderne sieht, auf der Strecke geblieben: das Phantastische und die Reflexivität des Kunstwerks. Paradoxerweise hat also gerade ein sich rational und fortschrittlich wähnendes Denken zur Verspätung einer Reflexion der Moderne wesentlich beigetragen. Erst durch Nietzsches und Freuds Erschließung des Unbewussten wurde wieder eine neue Sicht auf die Romantik möglich.

          In Ricarda Huchs „Blütezeit der Romantik“ (1899) sieht Bohrer das Werk, das einem spezifisch modernen Verständnis der Epoche den Weg gewiesen hat, an erster Stelle durch die Neubewertung der Athenaeum-Fragmente als einer eigenen literarischen Form und als Manifest einer künftigen Moderne: „Alles, was sogar Heine unterschlagen hatte, die Ankündigung einer ,neuen Zeit’, das entdeckt Ricarda Huch in einem wahlverwandtschaftlichen Geiste.“ Als folgenreich - das Romantik-Buch und Freuds Traumdeutung erscheinen fast gleichzeitig - habe sich insbesondere Huchs Hinweis auf die Entdeckung des Unbewussten durch die Romantiker ausgewirkt, „ohne dass dem Erkenntnisprinzip etwas geopfert würde“.

          Im geheimnisvollen Dämmer eines Kreuzgangs

          Da es für Ricarda Huch immer eine Selbstverständlichkeit war, dass „die romantische Bewegung mit politischem und kirchlichem Obskurantismus“ keineswegs notwendig verbunden sei, konnte sie es mit Gelassenheit hinnehmen, dass ihrem erzählerischen Frühwerk alsbald das Etikett „Neuromantik“ angeheftet wurde, obwohl schon den Zeitgenossen die neuromantische Strömung als willkürliche Abkehr von der sozialen und gesellschaftlichen Realität vielfach suspekt war.

          Gerhart Hauptmann beeilte sich, der sozialen Anklage seiner „Weber“ das mystisch imprägnierte Traumspiel „Hanneles Himmelfahrt“ zur Seite zu stellen, das zwar im Armenhaus spielt, aber letzten Endes offen lässt, ob es bei den religiösen Visionen des sterbenden Mädchens sich nicht vielleicht doch um keine bloßen Fieberphantasien, sondern um die Andeutung einer höheren, das Elend der Realität relativierenden Wahrheit handle.

          Auch die zwei Jahre jüngere Ricarda Huch scheint in ihren ersten literarischen Veröffentlichungen den Neigungen eines des Naturalismus überdrüssigen Publikums bereitwillig entgegenzukommen. In „Haduvig im Kreuzgang“, ihrer ersten Novelle (1892), die mit romantisierenden, im Wesentlichen wohl den „Elixieren des Teufels“ von E. T. A. Hoffmann entstammenden Versatzstücken üppig ausgestattet ist, bevölkert die Phantasie eines pubertierenden, fast noch kindlichen Mädchens den in geheimnisvollem Dämmer verschwimmenden Kreuzgang einer alten Klosteranlage mit der Gestalt eines einherschwebenden, offenbar heftig erlösungsbedürftigen Mönchs.

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