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Ricarda Huch, neu zu entdecken : Reich, Romantik und Rätesystem

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Obwohl seit der Oktoberrevolution der Gedanke der Räterepublik sich schnell verbreitet hatte, scheint Ricarda Huch erst durch Siegmund Rubinsteins im Jahre 1921 erschienenes Buch „Romantischer Sozialismus“ auf den Gedanken gekommen zu sein, dass hier die Lösung zu finden sein könnte. Rubinstein (1869 bis 1934) sucht in seinem für beträchtliches Aufsehen sorgenden Buch nach einem Weg, den kommunistischen, sowjetrussisch geprägten Rätegedanken mit den Eigenarten der deutschen Geschichte zu vermitteln: Die deutschen Menschen, schreibt er, „suchen zurzeit den Übergang aus einer von oben her schematisierten, nach oben zulaufenden sozialen Ordnung zu einer von unten her orientierten, auf der breiten Arbeitskraft des Volkes ruhenden Gesellschaft. Die deutschen Städtebürger hatten diese Leistung vollzogen.“

Wider das ganze Ausmaß an Verzagtheit

In diesem Zusammenhang entdeckt Rubinstein die Schlüsselfunktion der Romantik: „Die geistige Vermittlung zwischen der deutschen Vergangenheit und der deutschen Zukunft ist die Romantik. Romantik und Sozialismus, in den Ursprüngen und in der Weltauffassung nahe verwandt, sollen sich endlich finden, um verschwistert aus dem deutschen Volksboden ihre eigengeratenen staatlichen und gesellschaftlichen Lebensformen hervorwachsen zu lassen.“

Die begeisterte Zustimmung, mit der Ricarda Huch das Buch für die Vossische Zeitung rezensierte, lässt auf das ganze Ausmaß der Verzagtheit schließen, von der sie damals ergriffen gewesen sein muss. Das „überaus Bedeutende“ des Buches sah sie einmal darin, dass es „in unserer Zeit, die der Ideale so sehr bedarf, ein neues Ideal von Lebensformen aufstellt; ferner darin, dass es dies Ideal in den Räten erkennt, und dass es schließlich den Spuren dieses Ideals in der Vergangenheit nachgeht und dadurch das Neue, noch heiß Umstrittene, mit alten Erinnerungen unseres Volkes verknüpft, das Licht der Verheißung und Hoffnung darauf werfend.“

Zwar habe sie immer, bemerkt Huch einmal, trotz ihrer historischen Einstellung ganz und gar im Gegenwärtigen gelebt - den entscheidenden Impuls indessen, eine Vermittlung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ins Auge zu fassen und dabei auch eigene Positionen kritisch in Frage zu stellen, hat ihr wohl erst das Buch von Siegmund Rubinstein gegeben. In ihrer Rede zur Eröffnung des thüringischen Landtags 1946 bemerkt sie, der Umstand, dass in den deutschen Städten des Mittelalters „die Bauern respektive die Ackerbürger nicht mehr vertreten“ waren, sei ein historisches Versäumnis gewesen, das zum Untergang der Städte beigetragen habe.

Ricarda Huch ging schließlich so weit, selbst Einrichtungen, an denen sie hing, preiszugeben, wenn es um den Erhalt der Idee der Freiheit geht. Wenn sie mit dem allerletzten Satz ihrer Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts die Frage aufwarf, ob es möglich sei, „dass die Menschheit ohne jenseitige Götter lebte und eine Geschichte hat“, so kann es keinen Zweifel geben, wie ihre ganz persönliche Antwort ausfallen müsste. Dennoch hielt sie es für möglich, dass auch ihre Götter einmal, „fremd und unkenntlich“ geworden, „ausgerottet“ werden müssen. Was Ricarda Huch im innersten antrieb, war nicht eine nostalgische Liebe zur Vergangenheit, sondern eine Liebe zur Freiheit, die noch über der Liebe zu sich selbst und zu den eigenen, ein Leben lang bewahrten Idealen steht: „Nur was ganz ausgelebt hat, kann auferstehen.“

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