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Ricarda Huch, neu zu entdecken : Reich, Romantik und Rätesystem

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Ablehnende Haltung gegenüber Bismarck

Indessen geht aus diesem Arrangement nicht, wie es zunächst den Anschein haben mag, die rührende Legende einer kleinen Heiligen hervor, sondern die (von der Erzählerin mit liebevoller, an Gottfried Keller geschulter Ironie begleitete) Geschichte der Selbstbefreiung eines jungen Menschen aus religiösen Wahnvorstellungen zu einer glücklichen, durchaus diesseitigen Liebe.

Sie glaube zwar nicht, schreibt Ricarda Huch in einem kleinen Artikel über ihr Kindertagebuch, dass man aus ihm in das, was ihr Leben im Kern ausmache, einen tieferen Einblick gewinnen könne, allenfalls „nur einen oberflächlichen in mein äußeres Leben“, aber dann fällt eben doch auf, dass sie, sechsjährig, zum Krieg von 1870/71 notiert: „Gestern abend war ein großer Sieg, heute morgen auch schon wieder.“ Mehrfach erwähnt sie in den autobiographischen Schriften, dass sie sich für Bismarck nie interessiert habe.

Ursprünglich mag diese Einstellung als Reaktion auf die bedingungslose Verehrung des Vaters für den Reichsgründer entstanden sein; wenn ein kritisches Wort gegen den Kanzler fiel, pflegte er beleidigt den Raum zu verlassen. „Die peinliche Stimmung, die sich infolgedessen verbreitete, verband sich für mein Gefühl mit Bismarcks Namen als eines Mannes, von dem man am besten tut zu schweigen.“ Aber auch in späteren Jahren hat Ricarda Huch ihre ablehnende Haltung gegen Bismarck beibehalten: „Übrigens habe ich nie ein Gefühl für die Reichsgründung gehabt.“

Was Tradition ist

In zwei Schriften hat Ricarda Huch die Grundzüge ihres Geschichtsverständnisses niederlegt, in der umfangreichen Sammlung von Städteporträts „Im Alten Reich. Lebensbilder deutscher Städte“ (1927/1929) und in dem (im Jahr der Verleihung des Goethe-Preises in Frankfurt am Main gehaltenen Vortrag „Deutsche Tradition“ (1931).

Die Reihenfolge ist bedeutsam: Der Vortrag enthält zwar die Quintessenz von Huchs Verständnis der deutschen Geschichte, aber er beruht nicht auf Abstraktionen, aus denen alle individuellen Entwicklungen und Geschehnisse abgeleitet werden könnten, vielmehr bleibt immer sichtbar, dass Huch keine Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen zulässt, die nicht ihren Grund hätten in der individuellen Vielfalt des sich selbst organisierenden Lebens der reichsfreien Städte.

Tradition bestimmt sie als das, was „dauerhaft fortwirkt“ von den Prägungen, die sich in den „Anfängen eines Volkes“ als wirkungsmächtig erwiesen hatten. Für Deutschland allerdings gelte, dass „in kaum einem europäischen Lande gemeinsame Erinnerungen so wenig gepflegt“ werden; bei allem Bedauern über diese Entwicklung aber steht (wie zuerst der marxistische Literaturwissenschaftler Hans Mayer in seiner Gedenkrede, 1947, bemerkte) für Ricarda Huch nie die Erinnerung an unwiderruflich Vergangenes im Vordergrund, sondern immer „das Aufstrebende, das Neue, das in die Zukunft“ Weisende, wie Mayer ausführte.

Das Aufstrebende, das Neue, die Zukunft

So habe, heißt es in „Deutsche Tradition“, die „wesentliche Idee der deutschen Geschichte, die Idee der Freiheit“, zwar (anders als etwa in Frankreich) die Bildung einer „Gesamttradition“ erschwert, dafür aber es ermöglicht, „dass aus dem Volke eine Fülle sich selbstregierender und verwaltender Glieder hervorging“ - von Städten also, denen im Verlaufe ihrer Geschichte das „unschätzbar hohe Gut der Reichsfreiheit“ zuteil geworden war.

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