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Revolution der Jungtürken : Laizismus

Als im Juli 1908 der jungtürkische Umsturz sich durchgesetzt hatte, fand die Modernisierungsrevolution zunächst den ungeteilten Beifall der Briten. Dann wurde man auf die freimaurerischen Hintergründe aufmerksam.

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          Als im Juli 1908 der jungtürkische Umsturz sich durchgesetzt hatte, fand die Modernisierungsrevolution zunächst den ungeteilten Beifall Großbritanniens. Erst mit der Zeit wurde klar, dass auch der Wechsel des Regimes und der Staatsideologie an den geopolitischen Zwängen, denen sich das Osmanische Reich ausgesetzt sah, nichts änderte.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Solange die russische Politik an eine Wiedergewinnung Konstantinopels für die Christenheit dachte, solange von Russland aus die christlichen Minderheiten, Griechen und Armenier, tatkräftig gefördert wurden, solange der Zar andere, den türkischen Ansprüchen feindliche Nationen auf dem Balkan unterstützte, konnte von einer strategischen Neuorientierung keine Rede sein. Und so kehrte auch die britische Politik, die gegen Deutschland auf ein Bündnis mit Russland angewiesen war, bald zu einer sehr distanzierten Sicht auf das osmanische Regime zurück.

          Politisches Kalkül im Nahen Osten

          In dem großen strategischen Spiel um den Nahen Osten waren nicht nur direkte türkische, russische und britische Interessen ins Kalkül zu ziehen, sondern es kam ein weiterer Akteur hinzu: die zionistische Bewegung, die an Kraft gewann – und das anvisierte Territorium für eine jüdische Heimstätte lag damals auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches. Die Türkei war vom europäischen Antisemitismus weitgehend frei, und so kam es, dass in der jungtürkischen Führung und in der neuen Regierung Juden oder Angehörige der Dönme, einer von Gershom Scholem untersuchten sabbatianischen Sekte in der Türkei, die unter formeller Annahme des Islams ihre eigenen Überlieferungen pflegte, eine prominente Rolle spielen konnten. Djavid Bey (auch als „Javid“ oder in türkischen Quellen als „Cavid“ transkribiert), erster Finanzminister der Jungtürken, war ein Dönme.

          Ein bemerkenswertes Dokument aus der diplomatischen Korrespondenz zwischen Gerard Lowther, dem britischen Botschafter in Konstantinopel, und dem Londoner Außenministerium veröffentlichte vor fast vierzig Jahren der Politikwissenschaftler und Nahost-Experte Elie Kedourie, der an der London School of Economics lehrte („Young Turks, Freemasons and Jews“, in: Middle Eastern Studies, Band 7, 1971).

          Aus der diplomatischen Korresponenz

          Lowther meldete in einem längeren Hintergrundbericht vom Mai 1910 nach London nichts Geringeres als seine Gewissheit, bei den Jungtürken und dem geheimen „Komitee für Einheit und Fortschritt“, aus dem die politische Bewegung hervorgegangen war, handle es sich im Wesentlichen um eine freimaurerische Loge. Eine solche Vermutung war nicht von vornherein abwegig, denn die nationalen, säkularistischen und konstitutionellen Bewegungen des neunzehnten Jahrhunderts, allen voran das italienische Risorgimento, standen unter starkem maurerischen Einfluss: Garibaldi, der Nationalheld, war zugleich Großmeister des italienischen „Grande Oriente“.

          Vor allem die jungtürkische Polemik gegen „Reaktion“ und „Klerikalismus“ erinnerte den Botschafter an das, was er aus der Französischen Republik über die Freimaurer wusste: soeben, 1905, war in einer radikalen Auslegung der Trennung von Staat und Religion das Kirchenvermögen eingezogen worden – und der „Grand Orient de France“ konnte sich seiner Vorreiterrolle bei der laizistischen Gesetzgebung rühmen.

          Minister als Freimaurer

          Talaat Bey und Djavid Bey, die einzigen Regierungsmitglieder von echtem politischen Gewicht, seien zugleich die Spitze der ottomanischen Maurerei, glaubte der Botschafter. Lowther dachte dabei ausschließlich vom britischen Interesse her. „Der orthodoxe Muslim hat ein starkes Vorurteil gegen die Maurerei, die ihm schlimmer erscheint als der bloße Unglaube“, vermeldete er – und dieses Motiv habe die Meuterei gegen das jungtürkische Regime vom April 1909, den Putschversuch des Sultans, ausgelöst. Für die Propaganda unter Muslimen in Ägypten und Indien werde man sich des Freimaurer-Motivs mit Vorteil bedienen können.

          Kedourie vermochte in den Ideen Lowthers, deren Ursprung er dem irisch-katholischen Botschaftsdolmetscher Fitzmaurice zuschrieb, nur „schwülstige Phantasien“ (fustian fantasies) und „verwirrte Fabeleien“ (fuddled fabulosities) zu erkennen. Neuere Studien zur jungtürkischen Bewegung haben indes die Mitgliedschaft wichtiger Exponenten in maurerischen Logen zur Gewissheit gemacht: M. Sukru Hanioglu konnte in seinem Buch „Preparation for a Revolution: The Young Turks, 1902-1908“ (Studies in Middle Eastern History, Oxford University Press 2001) nachweisen, dass mit nur einer Ausnahme sämtliche Gründer des „Komitees“ Freimaurer waren oder wurden, und zwar, eben doch ganz wie von Lowther vermutet, in der von Italien aus gegründeten Loge „Macedonia Risorta“ beziehungsweise im ottomanischen „Grand Orient“.

          Der aktuelle türkische Streit zwischen den harten Laizisten der CHP, die sich auf die jungtürkische Tradition berufen, und der islamischen Bewegung hat eine Vorgeschichte, die tief in die Welt der Konspirationen und Gegenkonspirationen führt. Man sollte sie nicht von vornherein, wie Elie Kedourie, als bloßes Phantasieprodukt verwerfen. Lorenz Jäger

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