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: Reform-Islam?

  • Aktualisiert am

Kann sich der Islam wandeln, kann er eine pluralistische Gesellschaft und ein demokratisches politisches System aus sich selbst heraus entwickeln? Viele leugnen das, nicht allein in Europa und Amerika.

          3 Min.

          Kann sich der Islam wandeln, kann er eine pluralistische Gesellschaft und ein demokratisches politisches System aus sich selbst heraus entwickeln? Viele leugnen das, nicht allein in Europa und Amerika. Vor allem die Islamisten und Dschihadisten beharren darauf, daß der Islam qua Scharia, das heißt auf der Grundlage des von Gott durch Koran und Sunna inspirierten religiösen Gesetzes, eine unveränderliche Wahrheit enthalte und gesellschaftlich verwirkliche, die man zwar auslegen, hier und da auch abwandeln, nicht aber verändern oder auch nur in Teilen aufheben dürfe. Auch durch die Berichterstattung der Medien, deren Anlaß heute meistens der Terror ist, verfestigt sich ein monolithisches, essentialistisches Bild des Islam.

          Dies war der Hintergrund einer Veranstaltung des Annemarie Schimmel-Forums in Bonn, auf der über die Möglichkeiten, diesen Essentialismus aufzubrechen, diskutiert wurde. Man hatte zum Gedenken an die vor zwei Jahren gestorbene Orientwissenschaftlerin ein halbes Dutzend aus der nicht geringen Zahl jener muslimischen Denker eingeladen, die sich im "dar al islam" selbst und in Europa mit dem Wandel im Islam beschäftigen. Monolithisch, so meinte einleitend Murad Hofmann, sei der Islam nie gewesen, sondern ausdifferenziert in eine Mannigfaltigkeit von Gruppen und Denominationen, die Mystiker eingeschlossen. Allerdings gehöre jeder Muslim einer der vier als orthodox geltenden Rechtsschulen (madhahib) an, den Malikiten, Hanbaliten, Hanafiten oder Schafiiten. Nun bilde sich allerdings ein weiterer "madhhab" heraus, eine fünfte Rechtsschule: in Europa und Amerika. Ob diese erfolgreich sein wird, bleibt indessen abzuwarten.

          Bedarf es dazu einer dritten Aufklärung, wie Mohammed Arkoun meinte, der seit Jahrzehnten in Paris lehrende Algerier? Seine Favoriten als Aufklärer sind Averroes und Ibn Khaldun, dazu Descartes und Spinoza. Griechisches Denken inspirierte zunächst den mittelalterlichen Islam, bevor es über Toledo und Sizilien in Europa eindrang und dort dessen Denken befruchtete. Der Humanismus, die Renaissance und das achtzehnten Jahrhundert folgten. Arkoun ist im Grunde ein Kulturflüchtling, der wohl am meisten von den in Bonn anwesenden Denkern einen Wandel im Islam durch die neuerliche Adaption des "hellenisierenden" Denkens, diesmal auch vermittelt durch die europäische Aufklärung, gewährleistet sähe. Aufklärung sei für Judentum, Christentum und Islam freilich eine immerwährende Aufgabe.

          Der These vom Wandel durch Adaption widersprach Tariq Ramadan. Es gebe verschiedene Konzepte von Aufklärung, nicht nur das hellenisierende. Ihm gehe es nicht um Adaption, sondern um Transformation. Durch das neue Lesen der Quellen, die eben seien, wie sie sind, aber heute in neue Kontexte gestellt würden, wolle er nicht allein den Islam transformieren, sondern zusammen mit Christen, Juden, Buddhisten, Hindus und Atheisten auch zur Transformation einer Welt beitragen, die im argen liege. Ramadan, ein Enkel von Hassan al Banna, dem Begründer der Muslimbruderschaft, aber in der Schweiz aufgewachsen und heute in Oxford lehrend, ist der vielleicht umstrittenste unter den heutigen Reformdenkern im Islam. Sein Konzept wirkt konservativ, weshalb ihm Liberale und Laizisten im Westen mißtrauen; er rede zwar von Reform und Wandel, wolle aber - von ein paar Korrekturen abgesehen - nur den alten Wein in neue Schläuche füllen.

          Mit welcher Methode können Koran und Überlieferung in einer Weise ausgelegt werden, die sich von den Wegen des klassischen "Tafsir", wie ihn ein al Asch ari, al Maturidi, al Tabari und andere vor tausend Jahren leisteten, unterscheidet und der Moderne gerecht wird, deren Ansätze aber auch nicht verleugnet? Historisierung der Quellen ist offenbar eine Methode, die immer mehr Anhänger gewinnt. Zu ihr bekennt sich nicht nur Mohammed Sven Kalisch, der erste, in Münster lehrende deutsche Muslim, der Imame in deutscher Sprache ausbildet, sondern auch bekannte Reformdenker in Iran. Kalisch war sich mit dem ehemaligen Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kock, beim Thema Spiritualität und Rationalismus in vielem einig, etwa in der Unterscheidung von extremen, sich im Pantheismus verlierenden Spiritualismen und einer von der Ratio gebändigten Mystik, als komplementärer, legitimer Form des Glaubens. Was am Gesetz Gültigkeit habe, müsse heute den Kontext seiner Entstehung berücksichtigen.

          In einer Historisierung der Quellen, in der Unterscheidung zwischen dem, was vor 1400 Jahren war, als der Islam entstand, und dem, was heute ist, sieht auch Abdol Karim Sorusch, der bekannteste Reformdenker Irans, einen Weg zu Pluralismus, Zivilgesellschaft, Menschenrechten und Demokratie. Sorusch, Chemiker und Philosoph, ist von Hegel beeinflußt und denkt in Prozessen. Die iranische Gesellschaft, vielleicht die pluralistischste im Nahen Osten, leidet unter dem rigiden religiösen Gesetzesgefüge der Mullahs. Man muß unterscheiden zwischen unaufgebbaren Lehren des Islam und zeitbedingten Vorstellungen, die ohne Verlust abrogiert werden können. Den prozeßhaften, dialektischen Charakter der ursprünglichen Scharia-Debatten bekräftigt in Iran auch ein Denker wie Mohammed Shabestari, der neben der schiitischen Überlieferung auch Gadamers Hermeneutik heranzieht. Bis jetzt sei das Thema der Veranstaltung, "Islamisches Denken im Wandel", freilich eher mit einem Fragezeichen als mit einem Punkt zu versehen, wie der Vorsitzende des Forums, Mohammed Aman Hobohm, mit großer Offenheit bekundete.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

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