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Andreas Rossmann (aro.)

Peter Singer wird ausgeladen : Phrasenherzen

Peter Singer fordert unter anderem, die strikte Hierarchie zwischen Mensch und Tier aufzuheben. Bild: dpa

Hasenherziges Philosophiefest: Die phil.Cologne hat den umstrittenen Philosophen Peter Singer erst ein- und kurzfristig wieder ausgeladen. Die Begründungen wirken fadenscheinig.

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          Die phil.Cologne war am Mittwoch noch nicht eröffnet, da hatte sie bereits ihren Eklat. „Die Verantwortlichen“, so hieß es, „bedauern, die Veranstaltung mit Peter Singer“, der am Sonntag die (mehr als nur) Leib-und-Magen-Frage „Retten Veganer die Welt?“ lösen sollte, „kurzfristig absagen zu müssen.“ Der australische Princeton-Professor, annonciert als „einer der einflussreichsten Philosophen der Welt“, ist freilich für seine umstrittenen Positionen bekannt, auch „Festival- und Programmleitung wussten von früheren Veröffentlichungen Singers im Hinblick auf Pränataldiagnostik und Behinderung“; schon 1985 hatte er das Buch „Muss dieses Kind am Leben bleiben?“ veröffentlicht, das 1993 auf Deutsch erschienen ist.

          Nun sind viele Thesen Singers, der etwa fordert, die strikte Hierarchie zwischen Mensch und Tier aufzuheben, oder vorschlägt, die Tötung von Säuglingen mit gravierenden Geburtsschäden zu legalisieren, schwer erträglich, und jeder, der nicht bereit ist, ihm ein prominentes Forum zu bieten, findet dafür Verständnis. Doch ihn einzuladen, um ihn dann kurzfristig wieder auszuladen, zeugt von mehr als nur schlechtem Stil, kapituliert man doch hasenherzig vor einer kritischen Auseinandersetzung, die ein „Internationales Philosophiefest“, das die Meisterdenker in Mannschaftsstärke auffährt, sich zutrauen und bestehen können müsste. Und zwar auch dann, wenn Singer von dem angekündigten Thema abgewichen wäre. Noch fadenscheiniger wird die Kölner Absage durch die weitere Begründung: „Nicht vorgesehen werden konnte, dass Peter Singer seine fragwürdigen Thesen im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 26.Mai 2015 aktuell derart in den Mittelpunkt rücken würde“ und dazu Standpunkte äußert, „die im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis stehen, das die phil.Cologne leitet.“

          Was Singer dort zu Protokoll gab, geht so weit, das uneingeschränkte Lebensrecht aller Menschen zur Disposition zu stellen: „Ein Frühgeborenes im Alter von 23 Wochen hat keinen anderen moralischen Status als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebärmutter.“ Doch scheinen die „Verantwortlichen“ das Interview nicht sehr aufmerksam gelesen zu haben, sonst hätten sie es, das bereits am 24.Mai in der NZZ am Sonntag erschienen ist, nicht nur nicht falsch datiert, sondern auch mitbekommen, dass es möglich ist, Singer durch genaue, differenziert nachhakende Fragen zu Aussagen zu bewegen, ohne diese damit hinzunehmen oder gar zu propagieren. Und das, ganz ohne dabei auch nur verdachtsweise in „Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis“ zu geraten, für das eine Zeitung, was ihre Gesprächspartner angeht, so wenig einstehen muss, wie es die phil.Cologne müsste.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

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