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Paulusgrab : Buddeln nicht nötig

  • -Aktualisiert am

Mehr Sicht: Die Blicköffnung zum Paulusgrab in Rom soll bald erweitert werden Bild: picture-alliance/ dpa

Das Paulus-Geheimnis: Bei Ausgrabungen in der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura wurde der Sarkophag des Apostels Paulus entdeckt. Die geplante Öffnung ist verschoben.

          Ein antiker Sarkophag, eine uralte verblaßte Inschrift, Blut, Schwert und Wunder: die Liste liest sich wie die Stichwortsammlung für einen Roman à la „Da Vinci-Code“. Doch die romanhaften Vorfälle und verrätselten Indizien betreffen eine historische Figur - den Apostel Paulus. Die Nachricht, man habe sein Grab in Roms berühmter Pilgerkirche San Paolo fuori le Mura wiederentdeckt, elektrisierte in diesen Tagen die internationale Öffentlichkeit. Die Aussicht, daß der Sarg eventuell untersucht würde, steigerte die Spannung für viele ins Unermeßliche. Noch einmal machte das alte „Und die Bibel hat doch recht“-Gefühl die Runde. Und weil Christen in aller Welt zur Vorweihnachtszeit für solche Neuigkeiten besonders empfänglich sind, wurde übersehen, daß die Meldungen zusammenfaßten, was seit Jahrhunderten oder doch seit Jahren bekannt ist.

          Wiederentdeckung? Nein. Seit etwa eintausendsiebenhundert Jahren verehrt man in der Basilika „vor den Mauern“ Roms das Grab des Paulus. Ein Halbrund abwärts führender Stufen markiert es deutlich sichtbar vor dem Hauptaltar. Dort standen schon die Christen der Spätantike vor einem kostbaren Ziergitter, durch das hindurch eine Marmorplatte mit der Inschrift „Pavlo Apostolo Mart.“ zu sehen war. „Aber es muß jetzt nicht erklärt werden: ,Wir haben das Grab gefunden.' Denn das Grab war immer dort“, sagte denn auch der Hausherr der Kirche, Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo, zu den Sensationsmeldungen. Im Zuge von notwendigen Sanierungen sei es seit 2002 vielmehr darum gegangen, das Vorhandensein eines Sargs und eines antiken Grabmonuments nachprüfen zu lassen.

          Feuer in der Kirche

          Warum aber diese Mühen, wenn doch die Stätte nie strittig war? Das Schlüsselereignis war ein Brand, der 1823 zwar nicht den Ort, aber alle Spuren des Grabs hätte vernichtet haben können. „Alles spiegelte den Schrecken und die Verwüstung dieses schicksalsvollen Ereignisses; die Kirche war erfüllt von schwarzen, rauchenden und halbverbrannten Balken. Große, von oben bis unten gesprungene Säulenstücke drohten bei der geringsten Erschütterung herabzustürzen. Die Römer, welche die Kirche erfüllten, waren ratlos.“ So beschrieb Stendhal jene Brandkatastrophe, der Roms zweitgrößte Basilika zum Opfer gefallen war.

          In diesen Gewölben ruht der Sarkophag

          Entsetzen beherrschte nicht nur die Gläubigen, sondern auch alle Kunstliebhaber. Denn San Paolo fuori le Mura war nach dem Abriß und Neubau der Petersbasilika sowie dem radikalen Umbau der Papstkirche San Giovanni in Laterano die letzte der Basiliken gewesen, die auf Kaiser Konstantin zurückgingen. Mit fieberhafter Eile begann man eine getreue Kopie zu errichten.

          Über Jahrhunderte in unveränderter Position

          Hat man bei dieser Gelegenheit womöglich das Grab erforscht? Nein, sagt Giorgio Filippi, der jetzt dort grub: „Wir haben die Sicherheit, daß der Sarkophag geschlossen ist. Über die Jahrhunderte hat er sich unverändert in dieser Position befunden.“ Die Jahrhunderte, von denen der Vatikan-Archäologe spricht, sind eigentlich Jahrtausende. Zur Auswahl stehen drei Daten, an denen die sterblichen Überreste des Paulus in den Sarg gebettet worden sein könnten.

          Da sind zunächst die Jahre um 390, als die 1823 zerstörte Basilika geweiht worden war, die auch „Drei-Kaiser-Kirche“ hieß, weil sie von den Kaisern Teodosius, Arkasius und Valentinian II. in Auftrag gegeben wurde. Ebenso gute Gründe sprechen für die Jahre um 330, während derer die kleinere, 390 überbaute Basilika Konstantins (Filippi hat die Fundamente ihrer Apsis freilegen können) errichtet worden war. Denkbar ist aber auch, daß der Sarkophag schon im Jahr 167 die Gebeine des Apostels aufnahm. Damals, so berichtet das älteste Schriftzeugnis, habe der Presbyter Gaius das Grab an der „Via Ostiense“, der Straße nach Ostia, gefunden und einen Erinnerungsbau über ihm gestiftet.

          Vermörtelte Öffnung als Faszinosum

          Eine genaue Datierung des Sarkophags ist unmöglich. Denn er ist, wie Filippi, nachdem er die beschriftete Marmorplatte entfernt und einen halben Meter tiefer den Sarg lokalisiert hatte, 2005 mitteilte, ein Rohling, den jene Platten einfaßten, von denen dann eine, als man den Sarg für die Drei-Kaiser-Basilika anhob, zur oberen, für alle sichtbaren Abdeckung wurde.

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