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lenin : Oktober 1917: Lenins Coup

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Lenin war Intellektueller, Revolutionär und Staatsmann zugleich: Eine Rehabilierung des Verkannten.

          5 Min.

          Die Ägyptologen schrecken mit Recht davor zurück, den Pharao Echnaton als wirrköpfigen Versager zu brandmarken, nur weil er den Monotheismus zu einem Zeitpunkt mit der Hochzivilisation verlöten wollte, als die Opposition gegen diesen Einfall bei den Aristokraten, Priestern und Agronomen des Reiches zu stark war.

          Wenn dagegen Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, in einer allseitig unterentwickelten Weltregion mit zäher Zielstrebigkeit einen sozialistischen Flächenstaat erkämpft und einrichtet, der sich gegen ungeheure innere und äußere Hindernisse rund siebzig Jahre lang behauptet, dann wird, sobald dieses merkwürdige Wunder vom Erdball verschwindet, ein nicht zu zählendes Heer gewendeter „Marxpfaffen“ (Mehring) und anderer Weltgeistlicher aufgeboten, um zu begründen und tausendfach zu wiederholen, dass das ohnehin nicht hat gutgehen können. Die mildeste Variante des Nachtretens ist die Spottkombination von „das war bloß eine nachholende Modernisierung“ und „zu früh“, vertreten von Robert Kurz („Schwarzbuch Kapitalismus“, Frankfurt am Main 2001) bis Wolfgang Fritz Haug („Dreizehn Versuche, marxistisches Denken zu erneuern“, Hamburg 2005).

          „Keine Unterstützung für die Provisorische Regierung!“

          Die Invektive wird meist ausgeschmückt mit drei skeptischen Zeilen zur Leninschen Praxis von Rosa Luxemburg (die enthusiastischen liest man weniger oft) oder einer scharfsinnigen Analyse des angeblich aufs falsche Verhältnis zwischen Kommandowesen und Zivilgesellschaft zurückzuführenden unvermeidlichen Fehlschlags des Bolschewismus, die Antonio Gramsci im Gefängnis skizziert haben soll. Der Aufhänger solcher Kritik ist also das angebliche Scheitern der Bolschewiki sub specie historiae; die passende Argumentation dazu aber holt man sich ausgerechnet bei italienischen, deutschen oder anderen nichtrussischen Kommunisten, von deren glorreichen Siegen der Weltsozialismus bekanntlich heute noch zehrt. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

          Wie Nicht-KGB-Kader erst seit etwa zehn Jahren (nämlich aus den bei der Yale University Press auf Englisch herausgegebenen Geheimdokumenten der Revolutionszeit: „The Unknown Lenin“, New Haven 1996) wissen, war Lenin ein Mann, der zwischen „jetzt“ und „gleich“ zu unterscheiden wusste. Die Aprilthesen, in denen er nach seiner Rückkehr aus dem Exil den Umsturz auf die Tagesordnung setzte – „demokratisch legitimierter Frieden“, „keine Unterstützung für die provisorische Regierung“, „Sowjets statt Parlamente“ –, waren das eine. Das handwerkliche Verfahren des Staatsreichs war das andere. Lenins Kopf stand (und steht noch heute) für das in der Geschichte sonst nur in homoöopathischer Spur auffindbare Bild des Intellektuellen, der Ernst macht. Er nahm von jedem und gab, wo das Geben nützte. Sollte es die New Yorker Bankiers-Millionen, mit denen Trotzki das von Lenin empfangene Geld der Deutschen in der revolutionären Situation des Jahres 1917 supplementiert haben soll, wirklich gegeben haben, so spricht dies nicht etwa gegen, sondern für die solide marxistische Fundierung des Schulterschlusses zwischen diesen beiden Revolutionären: Sein prägt Bewusstsein, „they put their money where their mouths were“. Das bolschewistische Bilanzbuch zwischen 1905 und 1918 widerlegt aufs Schönste die Behauptung, Linksradikale könnten nicht mit Geld umgehen.

          Geldbeschaffung für die Revolution

          Eine lehrreiche Episode aus dem Winter 1905 zeigt, wie wenig zimperlich Lenins Truppe sich hierbei anstellte: Ein reicher Sympathisant der Linken in Moskau kam damals in zaristischem Polizeigewahrsam ums Leben. Sein Vermögen wollte er der Partei (also dem Mantelkonstrukt „russische Sozialdemokratie“, Bolschewiki und Menschewiki) vermachen. Die aber war legal nicht erbfähig. So fiel das Geld an den halbwüchsigen Bruder des Verstorbenen. Bevor der den Segen dem Schatzmeister der Gesamtpartei aushändigen konnte, überzeugten ihn die Leninisten, alles seinen beiden Schwestern zu überschreiben, welche, sobald das geschehen war, mit verlässlichen Bolschewiki verheiratet wurden. Die Mitgift fand rasche Verwendung, unter, wie üblich, kraftlosem Protest der Menschewiki. Selbst Eheschließungen, urfeudal-dynastische Politikmittel, konnten also Teil der Taktik werden, die Lenin binnen weniger Stunden zu ändern vermochte – ein oft als „opportunistisch“ missverstandenes Verhalten, das in Wahrheit auf der Drei-Räder-Mechanik im Innern der Maschine „Partei“ beruhte, die der Autor von „Was tun?“erfunden hatte: Das taktische Rädchen dreht sich am schnellsten und hält den Kontakt zu Staat und Revolution; das strategische, das zwischen Anspruch und Wirklichkeit vermittelt, braucht etwas länger für den Umlauf; und ans wichtigste Rad, das direkt um die marxistische Achse der geschichtsphilosophischen Überzeugungen kreist, nämlich das Programm, soll man nur selten Hand anlegen; möglichst nie. Diesem Konzept gehorcht auch Lenins Begriff politischer Aufklärung.

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