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NS-Kriegsverbrechen : Demjanjuks Prozess in Israel

Demjanjuk während der Verkündung seines Freispruchs Bild: AFP

Der Mann, der nicht Iwan der Schreckliche war: Der israelische Zeithistoriker Tom Segev sprach in Frankfurt über Rechtsstaatlichkeit, Moral und ein aufgehobenes Todesurteil.

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          Der erste Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk, der 1987 in Jerusalem begann und nach einem vorläufigen Todesurteil fünf Jahre später mit dem Freispruch des Ukrainers endete, hinterließ in Israel das bedrückende Gefühl, dass die Spielregeln der liberalen Rechtsordnung keine effektive Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen zulassen. Es blieb der Eindruck, dass Demjanjuk zwar nicht, wie man vermutet hatte, jener „Iwan der Schreckliche“ gewesen ist, der im Konzentrationslager Treblinka Zehntausende Juden in die Todeskammer getrieben hatte.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass er jedoch keinesfalls unschuldig gewesen sei und seiner gerechten Bestrafung entkommen sei, weil formale Korrektheit über das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden siegte - dieses schale Gefühl stellte sich ein, so dass man im Nachhinein lieber auf das gesamte Verfahren verzichtet hätte. Dennoch sei die Einhaltung des rechtsstaatlichen Rahmens wichtiger als die Bestrafung Demjanjuks gewesen.

          Selbstvergewisserung einer Nation

          Diese Bilanz zog der israelische Zeithistoriker Tom Segev, einer der profiliertesten Publizisten seines Landes. Segev hat den Fall Demjanjuk von Beginn an für die liberale israelische Presse kommentiert und ist ihm bis zur derzeitigen Neuverhandlung am Amtsgericht München gefolgt. Er sprach an der Frankfurter Universität mit ruhiger, melodiöser Stimme über das Verfahren als wichtige Etappe bei der Selbstvergewisserung einer Nation.

          Weichenstellung für die juristische Verfolgung von NS-Tätern: der Prozess gegen Adolf Eichmann (Zweiter von links)

          Demjanjuk wurde in Jerusalem auf der Grundlage von Augenzeugenberichten vorgeworfen, im Vernichtungslager Treblinka Tausende Juden mit besonderer Perfidität in den Tod getrieben zu haben, was ihm dort den Beinamen „Iwan der Schreckliche“ eingebracht haben sollte. Der in der Sowjetunion aufgefundene SS-Dienstausweis, der Grund für seine Ausweisung aus den Vereinigten Staaten gewesen war, wies ihn hingegen als Trawniki, als hilfswilligen ukrainischen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen aus, wo er eine weniger bedeutende Rolle gespielt hätte, für die ihm jetzt in München der Prozess gemacht wird. In Jerusalem blieb diese Spur unbeachtet.

          Scham der Überlebenden

          Segev, prominentester Vertreter jener „neuen Geschichtsschreibung“, die den Gründungsmythos Israels einer Revision unterzieht, bezeichnete den Prozess als wichtige Station bei der Herausbildung des israelischen Nationalbewusstseins, die den Holocaust erst zum wesentlichen Bestandteil israelischer Identität gemacht habe. Sei die juristische Verfolgung von NS-Tätern schon in Deutschland zahlenmäßig gering und die Strafen milde ausgefallen, so liege die Ironie darin, dass es in Israel nicht anders gewesen sei. Auch im neuen Staat Israel war die Schoa ein lange Zeit beschwiegenes Thema. Die aufstrebende, zukunftsgerichtete Nation hatte kein Interesse, die Schatten der Vergangenheit hervorzuholen. Hinzu kam die Scham der Überlebenden, auf denen der stille Vorwurf lastete, sich gefügig gemacht zu haben.

          Die Täterverfolgung kam daher nur schleppend in Gang. Neben dem Schamgefühl stand die Machtlosigkeit der israelischen Rechtsprechung gegen Kollaborateure. Ein Gesetz gegen jüdische Straftäter etablierte schließlich 1950 eine eigene Form der Rechtsprechung. Kam es zu Prozessen, so fanden sie abseits der Öffentlichkeit statt, die Presse schwieg sie tot.

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