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: Nordgermanischer Winnetou

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Die Entdeckung der Welt und die Erschließung neuer Wirtschaftsräume vollzog sich für Europa in zwei großen Schritten. Am Anfang stand die griechische Kolonisation des Mittelmeeres und des Schwarzen Meers, ...

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          Die Entdeckung der Welt und die Erschließung neuer Wirtschaftsräume vollzog sich für Europa in zwei großen Schritten. Am Anfang stand die griechische Kolonisation des Mittelmeeres und des Schwarzen Meers, personifiziert in der mythischen Gestalt des Herakles, dessen Weg nach Westen ihn bis nach Gibraltar führte, zu den "Säulen des Herakles", und der im Osten bis zum Kaukasus kam, wo er Prometheus befreite. Die erste Begegnung mit dem Atlantik fiel in die Zeit des Römischen Reichs, als Cäsar nach Britannien übersetzte. Aber erst mit der Frühen Neuzeit - mit den Afrika-Expeditionen der Portugiesen unter Heinrich dem Seefahrer - eröffnete sich das, was man heute als "Globalisierung" bezeichnet. Die "Historische Zeitschrift" hat diesen beiden Schüben ein Sonderheft gewidmet, das die ethnographischen Konstruktionen in den Blick nimmt, mit denen Europa seine Kontakte mit den indigenen Bevölkerungen verarbeitete (Historische Zeitschrift, Beiheft 34, Aufbruch in neue Welten und neue Zeiten. Die großen maritimen Expansionsbewegungen der Antike und Frühen Neuzeit im Vergleich der europäischen Geschichte, hrsg. von Raimund Schulz. Oldenbourg-Verlag, München 2003).

          In der Frühen Neuzeit war es vor allem die Figur des Indianers, die die Europäer beschäftigte. Ein erstes Anzeichen dafür ist es, daß man unter den Sternbildern, die die neuentdeckten Welten gleichsam mythologisch festhielten, nur dem Indianer das Privileg zugestand, am Himmel verewigt zu werden: So gibt es heute zwar ein Sternbild "Indus", das in den frühneuzeitlichen Himmelkarten einen prachtvoll geschmückten amerikanischen Ureinwohner darstellt, aber keines für "Africanus". Martin van Gelderen hat in dem Beiheft den Wandel des Indianerbildes im Diskurs der Frühen Neuzeit nachgezeichnet.

          Zunächst stand der Topos des Kannibalismus im Vordergrund. Eine allegorische Darstellung der Kontinente aus dem Jahr 1570 zeigt "America" als schöne Barbarin, die mit Keule, Pfeil und Bogen ausgerüstet ist. In der linken Hand hält sie noch den Kopf ihres letzen Opfers (Martin van Gelderen, "Hugo Grotius und die Indianer. Die kulturhistorische Einordnung Amerikas und seiner Bewohner in das Weltbild der Frühen Neuzeit"). Die europäische Debatte über die Indianer hatte ihren Ausgangspunkt in Spanien. Dabei stand die Frage im Zentrum, ob sich die Versklavung rational begründen ließe. Bald kam es hier zu einer grundsätzlichen Kritik der kolonialen Praxis; von Vitoria de Salamanca wurden die Ordnungsleistungen der indianischen Gesellschaften hervorgehoben: "Sie kennen die Einrichtung der Ehe, sie haben Richter, Herren, Gesetze, Handwerker, Geldausleiher, was alles den Gebrauch der Vernunft voraussetzt. Sie haben sogar eine Art Religion."

          In der Folge gewann die Frage nach der Herkunft der Indianer besondere Bedeutung. Eine frühe Kolonisation durch Schiffahrt wurde bezweifelt. So konnte es nur eine Wanderung über Landmassen gewesen sein, die die Indianer nach Amerika brachte. Man nahm weithin an, daß die Amerikaner von den asiatischen Skythen abstammten und über die Beringstraße eingewandert seien. Gegen diese These wandte sich 1642 Hugo Grotius in seiner "Dissertatio de Origine Gentium Americanum": Die Indianer kennen das Pferd nicht, die Skythen dagegen galten in der Antike als das Reitervolk par excellence. Aber schon Jahre zuvor hatte er eine Schrift mit dem Titel "De Indis" verfaßt, ursprünglich ein Rechtsgutachten, weil es zwischen der Vereinigten Ostindischen Compagnie und den Portugiesen zu einem Kaper-Zwischenfall gekommen war. Auch Grotius lehnte, wie Vitoria, die Lehre von der "natürlichen Sklaverei" ab.

          Aber er veröffentlichte eine eigene These über den Ursprung der Indianer, wobei er eine Teilung der indianischen Bevölkerung annahm: die Bewohner Nordamerikas stammten danach aus Norwegen und seien über Island und Grönland auf den amerikanischen Kontinent gekommen. Sein Argument war nicht zuletzt im Sprachklang begründet: Amerikanische Regionen wie "Cimatlan" oder "Tenuchtitlan" wiesen mit der Silbe "lan" auf das Wort "Land" zurück. Den altgermanischen Ursprung der Indianer glaubte er auch in den Sitten erkennen zu können: Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele und die Monogamie verbinde die Kontinente. Was Südamerika anging, wies Grotius die bei Paracelsus und Giordano Bruno verbreitete Ansicht von einer jüdischen Herkunft der Indianer zurück und sah eher Parallelen zu äthiopischen Taufritualen, während er die peruanische Reichsbildung auf eine chinesische Herkunft zurückführte.

          Johannes de Laet, wie Grotuis ein Schüler des Humanisten Joseph Scaliger, griff die Studie seines Landsmannes sofort nach deren Erscheinen an. 1643 veröffentlichte er seine Kritik, in der er nicht nur die oberflächlichen sprachlichen Analogien tadelte, zu denen Grotius gegriffen hatte, sondern auch ein scharfsinniges bevölkerungspolitisches Argument ins Spiel brachte: Die Einwohnerzahlen von Norwegen seien von jeher bescheiden gewesen. Daß ein so kleines Volk einen so großen Kontinent bis Mexiko habe besiedeln können, erschien ihm mehr als unwahrscheinlich. Lorenz Jäger

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