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Neues Max-Planck-Institut : Die DNA der Geschichte

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Germanen, Angelsachsen und Normannen: Woraus setzt sich der Engländer zusammen? Hier ein Kampf ums Dasein, abgebildet auf dem Teppich von Bayeux. Bild: Picture-Alliance

Die Max-Planck-Gesellschaft hat ein Institut für Geschichte und Naturwissenschaften gegründet. Dort soll es um die Anwendbarkeit biologischer Modelle in der Geschichtswisssenschaft gehen. Eine epochale Herausforderung.

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          Die Genetik, eine der Leitwissenschaften unserer Epoche, wird gewöhnlich mit dem Futur assoziiert. Ihre Protagonisten werden als Propheten beschrieben. Doch die Zukunftsmetaphorik verdeckt, dass sich Genetiker längst auch die Vergangenheit angeeignet haben. Mehr und mehr historische Fragen werden heute anhand der Materialien und mit den Methoden der Vererbungslehre untersucht. Diese Genetisierung der Geschichte hat ihre Wurzeln in der Beschäftigung mit der Arten- und Ausbreitungsgeschichte des Menschen. Aber es geht längst nicht mehr nur um die graue Vorzeit. Die genetische Geschichte ist bereits mitten in den eigentlich historischen Epochen angekommen. Deshalb darf die neue Vergangenheitsdisziplin von den Geschichtswissenschaftlern auch nicht länger ignoriert werden, sondern muss endlich als Herausforderung angenommen werden.

          Wenn es für die Bedeutung des genetischen Zugriffs auf die Geschichte noch eines Beleges bedurft hätte, so hat ihn soeben die Max-Planck-Gesellschaft geliefert. Die in diesem Sommer offiziell bekanntgegebene Umwidmung des Jenaer Max-Planck-Institutes für Ökonomik in eines für „Geschichte und Naturwissenschaften“, das ganz im Zeichen der historischen Genetik steht, zeigt, dass man sich in der führenden außeruniversitären Forschungsorganisation Großes von der neuen Disziplin verspricht. Es ist kein Geheimnis, dass die Existenz eines Max-Planck-Instituts auch ein Indikator für den Rang eines Faches ist.

          Genetischer Modelle in der historischen Linguistik

          Nach Jena als Gründungsdirektoren berufen wurden zwei Wissenschaftler, die exemplarisch für die beiden Hauptrichtungen der „Genetisierung“ der Vergangenheit stehen. Zum einen ist es der neuseeländische Kulturevolutionist Russell Gray, der durch den Einsatz genetischer Modelle in der historischen Linguistik bekannt wurde, zum anderen der junge deutsche Genetiker Johannes Krause, der bereits auf eine beeindruckende Bilanz zurückblicken kann. Krause war unter anderem führend an der Entschlüsselung des 40 000 Jahre alten Erbgutes des sogenannten Denisova-Menschen beteiligt, die das bisherige Bild von den frühen Hominiden nachhaltig erschütterte. Er hat jedoch auch zur mittelalterlichen Pest und zur Lepra Bahnbrechendes vorgelegt. Sein jüngster Coup ist die Entdeckung, dass die Tuberkulose bereits lange vor Kolumbus nach Amerika eingeschleppt wurde, durch Robben.

          Gray baut im Jenaer Institut eine Abteilung „Sprach- und Kulturevolution“ auf, Krause eine andere zur „Archäogenetik“. Beide Wissenschaftler haben erklärt, dass sich das Institut nicht auf die Urzeit, auf Sprachentwicklung oder Epidemiologie beschränken, sondern gerade auch zu im engeren Sinne historischen Fragen forschen wird. So kündigt Gray etwa in einem aktuellen Porträt in „Science“ (doi: 10.1126/science.345.6203.1443) an, mit den Methoden der Abstammungsgeschichte auch nach den Mechanismen der Staats- und Religionsbildung fragen zu wollen, während Krause auf der Internetpräsenz des Hauses kundtut, dass seine Abteilung die gesamten „vergangenen 20 000 Jahre eurasischer Geschichte“ im Blick habe, ausdrücklich auch die „Analyse der großen Migrationsbewegungen im ersten Jahrtausend nach Christus“ (www.shh.mpg.de). Nur am Rande werden dabei auch nichtgenetische, chemisch-physikalische Methoden wie die Isotopenanalyse erwähnt. Der naturwissenschaftliche Zugriff auf die Geschichte, wie er in beiden Abteilungen des neuen Instituts erfolgen soll, ist also ein durch und durch genetischer, und er betrifft jeweils auch den Gegenstand von Geschichtswissenschaft, nämlich die kulturelle Entwicklung der letzten zwei- bis dreitausend Jahre.

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