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Neues Max-Planck-Institut : Die DNA der Geschichte

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In der Öffentlichkeit ist die Genetic History beliebt; sie scheint ein Bedürfnis nach mit empirischen Fakten und von klaren Identitätslinien gesättigten Aussagen zur Geschichte zu befriedigen, die die gegenwärtige Geschichtswissenschaft nicht bieten kann und will. Im Unterschied zu anderen naturwissenschaftlichen Methoden, die in Geschichte und Archäologie eingesetzt werden, ist die Genetik stets unmittelbar mit Fragen der Identität verknüpft, gilt doch DNA im heutigen Bewusstsein mehr und mehr als primärer Identitätsträger.

Allerdings hat jüngst der Mittelalterhistoriker Patrick Geary vom Institute for Advanced Study in Princeton selbst ein Genetic-History-Projekt ins Leben gerufen. Geary, ein anerkannter Experte für die völkerwanderungszeitlichen Ethnogenesen, leitet ein europäisches Team, das sich mit der Migration der Langobarden von Pannonien nach Italien im 6. Jahrhundert beschäftigt. Diese steht im Ruf eines „Modellfalls“ für eine archäologisch fassbare Völkerwanderung. Denn ausweislich der Fundstätten und Interpretation scheint es, als ob die Langobarden im Jahr 568 ihre Siedlungsgebiete in Ungarn nahezu völlig geräumt hätten, um geschlossen nach Italien zu wandern.

Gleichwohl gibt es auch um die Langobarden eine Fülle von offenen Fragen. Im Unterschied zu den meisten anderen bisher durchgeführten Studien rekurriert Gearys Projekt nicht auf die DNA moderner Bevölkerungen, deren Korrespondenz mit historischen Gruppen stark fragwürdig ist, sondern unmittelbar auf die alte DNA aus frühmittelalterlichen Fundstätten. Das Projekt erfordert einen hohen Arbeits- und Finanzaufwand, mit ersten Ergebnissen ist nicht vor 2016 zu rechnen. Es steht jedoch bereits heute fest, dass die hermeneutische und methodische Reflektiertheit des Langobardenprojektes einen Qualitätssprung in der Genetic History markiert.

Das Werben eines Einzelnen, der selbst in der neuen Disziplin engagiert ist, ersetzt jedoch nicht die kritische Auseinandersetzung eines gesamten Faches damit. Als erstes ist es notwendig, dass Historiker die Vergangenheitsgenetik wahrnehmen und als zweites, dass sie sich dafür kompetent machen. Deshalb müssen für Nichtbiologen zugängliche Einführungen in die Grundlagen und Methoden geschrieben werden, außerdem Forschungsüberblicke, die das Spektrum der behandelten historischen Fragen aufnehmen. Auf dieser Basis können fundierte Kritiken der Genetic History und ihrer Chancen, Beschränkungen und Gefahren entstehen. Es geht aber nicht um das defensiv-ängstliche Festhalten an disziplinär-methodischen Grenzen, sondern um die epistemologische Reflexion darüber, wie Wissen über die Vergangenheit entsteht und was es bedeutet. Diese Reflexion ist die ureigene Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Der Dialog mit den historisch arbeitenden Genetikern schadet dabei nicht, im Gegenteil: Er sollte gesucht werden. Und auch die Naturwissenschaftler können nur davon profitieren, dass Historiker ihre Herausforderung annehmen. Es ist für beide Seiten zu hoffen, dass das neue Max-Planck-Institut in Jena auch ein Ort für solche kritischen Dialoge wird.

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