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Historiographie der Sklaverei : Wer hat für die Freiheit gearbeitet?

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Mit zuweilen erschöpfender Liebe zum Detail unterteilt sie die Geschichte der Emanzipation in zwei größere Wellen. Die erste begann mit der Amerikanischen Revolution und endete in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. In dieser Zeit etablierte sich die Ideologie der Gleichheit als wichtigster Impulsgeber des Abolitionismus. Mit Verweis auf die Unabhängigkeitserklärung und die Auffassung, dass vor Gott alle Menschen gleich seien, beschimpften die Opponenten der Sklaverei die Sklavenbesitzer als Heuchler und Verräter an amerikanischen und christlichen Werten. Und vermochten, wenn auch qualvoll langsam, die Sklaverei in den Nordstaaten zu beenden. Die wichtige Unterscheidung zwischen freien Staaten und Sklavenstaaten bildete sich heraus.

Die Schwarzen waren weiter

Der Anfang der zweiten Welle wird markiert etwa durch die Publikation von David Walkers berühmtem Pamphlet „Appeal to the Coloured Citizens of the World“ (1829) oder das Erscheinen der Zeitung „The Liberator“ (1831). Folgen wir Sinha, dann waren die schwarzen Abolitionisten ihren weißen Mitstreitern zumeist einen Schritt voraus. Sie verwandelten den Kampf gegen die Sklaverei in eine Bewegung gegen rassische Diskriminierung, eine Erniedrigung, mit der sie permanent konfrontiert waren. Der Zugang zu Kirchen, Schulen, Werkstätten und Friedhöfen, kurz: zu allen Institutionen, welche die Weißen als ihre eigenen beanspruchten, blieb ihnen verwehrt. „Lediglich die Gefängnistüren stehen unseren farbigen Brüdern offen“, beklagte der Publizist William Garrison.

Gründlich und passioniert zeichnet „The Slave’s Cause“ schwarze Menschen nicht allein als Opfer oder Aufständische, sondern als politische Wesen, die das Wahlrecht und andere Attribute der Bürgerschaft einforderten. Die Zuschreibung einer politischen schwarzen „agency“ verdient besondere Beachtung, denn Sinha bejaht damit emphatisch die von Historikern bisher selten gestellte Frage, ob (ehemalige) Sklaven dezidiert politische Vorstellungen zu entwickeln vermochten.

Wie viele Autoren macht sich auch Sinha keine Illusionen über die Konflikte innerhalb der Abolitionsbewegung und über die Fortdauer von Rassismus nach dem formellen Ende der Institution. Sie gibt keine Antwort darauf, welche Lehren für die heutige Situation gezogen werden können. Vorsichtig belässt sie es bei der eindringlichen Warnung davor, das Projekt der Beendigung von Sklaverei kleinzureden. Die Emanzipation von Sklaven in der westlichen Hemisphäre sei, hier ist sie sich mit dem Altmeister der Abolitionsforschung David Brion Davis einig, nichts Geringeres als eine der größten Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte.

Schon W. E. B. Du Bois, der große Panafrikanist und Bürgerrechtler, war überzeugt, dass das fortdauernde Erbe des Kampfes gegen die Sklaverei „das Beste an der Geschichte Amerikas“ sei. „Die Ära Obamas“, ergänzt Manisha Sinha, „hatte wie die Ära Lincolns Kritiker und Bewunderer. Beide wären jedoch ohne die Abolitionsbewegung nicht möglich gewesen.“

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