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Historiographie der Sklaverei : Wer hat für die Freiheit gearbeitet?

  • -Aktualisiert am

Der aktuelle Rassismus und die massive Gewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten verschärfen das Dilemma, mit dem afroamerikanische Intellektuelle seit Generationen ringen: Gilt es, für die Integration der Schwarzen in die weiße Gesellschaft zu werben, um eines Tages hoffentlich gleichberechtigt zu sein? Oder lässt sich dem Rassismus der Weißen nur eine eigene Kultur kämpferischen Stolzes entgegenhalten? Und kann es für vergangenes Leid Entschädigungen geben? Für Furore sorgte ein vor drei Jahren im „Atlantic Monthly“ erschienener Essay von Ta-Nehisi Coates (in deutscher Fassung seinem gleichfalls von Hanser verlegten Buch „Zwischen mir und der Welt“ beigefügt), in dem der Journalist wortgewaltig eine alte Forderung der Bürgerrechtsbewegung aufgreift und nach Reparationen für die Sklaverei ruft.

Kapitalismus durch Sklavenarbeitskraft

Das zentrale Argument von Coates ist in der Geschichtswissenschaft inzwischen durchaus vertraut: Ohne die Ausbeutung und Unterdrückung der drei Jahrhunderte lang versklavten schwarzen Bevölkerung wäre der Aufstieg Nordamerikas zur führenden Wirtschaftsnation und zum Welthegemon kaum geglückt. Das System der Unfreiheit war dabei mit kapitalistischen Innovationen des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts im Bereich von Technologie, Management und Finanzwesen höchst kompatibel, wie jetzt die Beiträger eines von Sven Beckert und Seth Rockman herausgegebenen Bandes darlegen („Slavery’s Capitalism. A New History of American Economic Development“, University of Pennsylvania Press 2016).

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Diese Sichtweise setzt sich erst zögerlich gegen die auch in der Historiographie lange dominante Perspektive der weißen Mittelklasse durch, gemäß der vor allem ihre protestantischen und liberalen Werte wie Individualismus, Freiheitswille, Streben nach sozialem Aufstieg, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit der Entfaltung des Landes zugrunde lagen. Das ist das Trugbild, gegen das Whitehead seinen Roman geschrieben hat. Aber ein Echo dieser Lesart der Geschichte bleibt in der Forschung über die Abschaffung der Sklaverei immer noch hörbar. Sie ist weiterhin stark eingebunden in eine lineare Fortschrittsgeschichte, in der jede Generation mehr Rechte für mehr Menschen erkämpfte.

Spiegeln sich die in Literatur und Publizistik gegenwärtigen Perspektiven und Strategien der Darstellung in neuen Zugängen der Geschichtswissenschaft? Man nehme Manisha Sinhas wahrhaft enzyklopädische Darstellung der Schicksale, Aktivitäten, Organisationen und ideologischen Auseinandersetzungen schwarzer Abolitionisten („The Slave’s Cause. A History of Abolition“, Yale University Press 2016). Methodisch und darstellerisch bleibt der Wälzer gängigen Konventionen verhaftet. Frische Akzente werden allein in neuen inhaltlichen Perspektiven sichtbar.

Lincoln tritt in den Hintergrund

Die Autorin sieht, das ist so neu nicht, die Abolitionsbewegung als Vorreiterin der Bürgerrechtsbewegung, die Abolitionisten als Pioniere bei der Entwicklung heutiger Vorstellungen von Menschenrechten. Aber ihr Buch bedeutet den bisher nachdrücklichsten Abschied von einem weitverbreiteten Erzählmuster, das die Abschaffung der Sklaverei zuvörderst als noblen Kampf aufgeklärter Weißer konzipierte. Helden wie Abraham Lincoln, die aufstanden, um ihre schwarzen Brüder zu verteidigen – mit diesem Bild kann Sinha ebenso wie die meisten afroamerikanischen Intellektuellen nichts mehr anfangen.

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