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Napoleon : Des Kaisers fließendes Verhängnis

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Heute ist an der Beresina nichts mehr von den dramatischen Szenen zu erahnen, die sich vor 200 Jahren dort abspielten. Bild: Historisches Museum Luzern

In der Schlacht an der Beresina konnte Napoleon den Kern seines Heeres retten, doch in den Fluten des Dnjepr-Nebenflusses fielen Tausende französischer Soldaten, Frauen und Kinder der russischen Artillerie zum Opfer.

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          „Dann ist es eine Beresina“, gilt heute in Frankreich als Sprichwort für ein beispielloses Debakel, das zuletzt im Präsidentenwahlkampf 2012 schlagkräftige Verwendung fand. Seinen Ursprung hat das geflügelte Wort inmitten der größten humanitären Katastrophe des neunzehnten Jahrhunderts, des Russland-Kriegs Napoleons. Nachdem es dem französischen Kaiser nicht gelungen war, die Armeen des Zaren entscheidend zu schlagen, hatte er am 19. Oktober 1812 den Rückzug aus Moskau angetreten. Mit aller Härte war bereits Ende des Monats der russische Winter hereingebrochen und hatte in Verbindung mit den unermüdlich angreifenden Kosaken der Grande Armée schwere Verluste zugefügt. Auf dem Weg nach Westen befand sich zudem ein natürliches Hindernis, dessen Brücken von den Russen wohlweislich zerstört worden waren: die Beresina, ein birkengesäumter Seitenfluss des Dnjepr.

          „Wo und wie wir die Beresina passieren werden,“ schrieb ein Offizier aus Westphalen, „ist eine Frage, womit gewiß in diesem Augenblick sich ein jeder denkende Offizier beschäftigt, welche aber niemand, auch selbst Napoleon nicht, einigermaßen befriedigend zu beantworten imstande sein wird.“

          In dieser ausweglosen Lage wandte Napoleon eine verwegene Kriegslist an, indem er bei Borissow demonstrativ Bäume fällen und einen Brückenbau vortäuschen ließ. Während auf diese Weise die gesamte Aufmerksamkeit der russischen Armeeführung auf Borissow gelenkt wurde, erfolgte der tatsächliche Brückenschlag vier Wegstunden weiter flussaufwärts bei dem kleinen Dorf Studjanka.

          Frauen und Kinder werden mit Kolbenschlägen abgewiesen

          Dort wurden auf mehreren, eilig gebauten Flößen 300 Jäger über den Fluss gebracht, um den Übergang am westlichen Ufer zu decken. Das Dorf Studjanka selbst wurde kurzerhand niedergerissen, um das notwendige Holz für den Brückenbau zu beschaffen. Dann stiegen 400 Pontoniere, nur mit ihren Unterhosen bekleidet, in die Beresina, die bis zu zwei Meter große, scharfkantige Eisschollen führte, und rammten bis an die nackten Oberkörper im eiskalten Wasser stehend die Brückenpfeiler in den schlammigen Flussgrund. „Während“, so ein Augenzeuge, „die Kälte Kristalle an ihren einzelnen Körperteilen bildete“, reichte den in der Flussmitte stehenden Männern das Wasser bis an den Mund. „Ihre Körper wurden von Eisschollen zerschnitten, aber sie arbeiteten weiter. Einige brachen leblos zusammen, andere verschwanden in der Strömung.“ Die Pontoniere durften jeweils nicht länger als 15 Minuten im Wasser bleiben; dann setzten sie sich ans Biwakfeuer am Ufer, wurden in Bärenfelle gehüllt und bekamen heißen Branntwein. Napoleon selbst sprach den Männern Mut zu und ließ ihnen aus seinen persönlichen Vorräten Stärkungen austeilen. Dennoch überlebten von den 400 Pontonieren nur etwas mehr als 20, die anderen starben an Unterkühlung oder wurden von der Strömung weggerissen.

          Nachdem er Moskau nicht hatte einnehmen können, musste Napoleon am 19. Oktober 1812 den Rückzug aus Russland antreten. Damit geriet er mitten in den früh einsetzenden russischen Winter.

          Am Nachmittag des 26. November geschah, was kaum jemand für möglich gehalten hätte: Wie eine Erscheinung erhoben sich die beiden Holzbrücken in der Beresina und bildeten für die französische Armee buchstäblich die Verbindung zwischen Leben und Tod. Während sogleich mit dem Übergang begonnen wurde und die dezimierten Truppen die Beresina überquerten, traf im Laufe der Nacht der gesamte, aus mehreren 10 000 Menschen und rund 3000 Wagen bestehende Tross der Armee am östlichen Ufer ein. Darunter waren viele Frauen und Kinder. Die Eingänge der beiden Brücken wurden von finster blickenden Gendarmen bewacht, die zunächst nur kampffähigen Truppen den Übergang erlaubten, alle anderen wurden mit Kolbenschlägen unerbittlich zurückgewiesen.

          Viele Menschen wurden zu Tode getrampelt

          Die Russen hatten mittlerweile ihren Fehler bemerkt und erreichten am Morgen des 28. November den Übergangspunkt, den sie aus sicherer Entfernung mit Artillerie zu beschießen begannen. Als die Granaten in die ungeheure Menschenmasse schlugen, spielten sich apokalyptische Szenen ab. Getroffene Munitionswagen explodierten und der panikartige Sturm Zehntausender Menschen auf die beiden Brücken entbrannte. Je näher die ungeheure Masse den Brücken kam, desto enger wurde sie zusammengedrängt, und wer sich erst einmal in diesem panischem Höllenknäuel befand, hatte nicht die geringste Chance, wieder herauszugelangen. Ein Augenzeuge schrieb: „Es handelte sich in diesem furchtbaren Drängen, dem man bei rein unmöglichem Widerstande willenlos preisgegeben war, buchstäblich um Leben und Tod.“ Soldaten schlugen mit dem Säbel um sich, jeder bahnte sich rücksichtslos einen Weg. In die Menschenmenge hinein sausten unaufhörlich die russischen Granaten und Kanonenkugeln, jeder Schuss war unweigerlich ein Treffer.

          Der württembergische Oberleutnant Faber du Faur berichtete: „Die Kugeln und Granaten schlugen in die unglückliche Masse, das Geschrei der Unglücklichen übertönte den Kanonendonner, und das Kleingewehrfeuer und das Drängen gegen die Bücke wurde immer rasender.“ Ein anderer Offizier schrieb: „Mütter und Säuglinge sah man in den Haufen dieser Unglücklichen. Wer schwach wurde und fiel, stand nie mehr auf und wurde zerstampft. In das schauderliche Gedränge gepresst, konnte ich kaum Atem holen und mit den Füßen den Boden berühren; die Masse wogte über gefallene Menschen und Pferde, über zertrümmerte Wagen und andere Gegenstände, viele stürzten darüber zu Boden und waren bald von den Folgenden zertreten. Ich habe in meinem Leben nie etwas Grausigeres erlebt als das Gefühl, über lebende Kreaturen hinwegzugehen, die versuchten, sich an meinen Beinen festzuklammern und die in ihrem Bemühen, sich wieder zu erheben, meine Bewegungen lähmten. Ich entsinne mich heute, wie mir zumute war, als ich auf eine Frau trat, die noch am Leben war. Ich spürte ihren Körper zucken und hörte sie schreien und klagen. Die Glücklichsten erreichten die Brücke; doch nur indem sie über ganze Haufen von niedergeworfenen, halberstickten Verwundeten, Frauen und Kindern stiegen und diese bei der Anstrengung des Weiterschreitens noch auf das Grausamste mit den Füßen zertraten.“

          Ein Inferno aus Menschenleibern

          Einige Kavalleristen versuchten die eiskalten Fluten auf den Rücken ihrer Pferde zu durchschwimmen, was wenigen auch gelang, „allein die meisten ertranken vor unseren Augen“. Faber du Faur: „Um diese Brücken türmten sich Hügel auf Hügel niedergetretener und erschossener Menschen und Pferde, welche man, um auf die Brücken zu gelangen, kämpfend übersteigen musste.“ Hunderte wurden links und rechts der beiden Brückeneingänge von der erbarmungslos nachdrängenden Menge in den Fluss gestoßen, was den sicheren Tod bedeutete.

          Laienschauspieler stellten am 24. November 2012 in der Nähe von Minsk die Schlacht an der Beresina nach. Sie legten dabei wert auf originalgetreue Uniformen und Waffen.

          „Da erblickte man zwischen den mächtigen Eisschollen verzweifelte Mütter mit ihren Kindern auf den Armen, die sie schnell in die Höhe hoben, sowie sie selbst zu sinken begannen; und sogar als das Wasser sie schon verschlungen hatte, hielten sie noch die Kleinen mit den erstarrten Armen so hoch als möglich über ihren Häuptern empor. Man sah eine Mutter, die mit vielen anderen auf das Eis gedrängt wurde; dieses riß sich los, und auf einem Eisstück schwimmend, wurde sie fortgetrieben. Hoch hielt sie ihren Säugling empor und schrie fürchterlich, dass man ihr zu Hilfe kommen solle.“

          Während sich dieses Inferno abspielte, gelang es den französischen Truppen und ihren Verbündeten - Polen, Badenern und Schweizern -, auf beiden Seiten der Beresina eine vierfache Übermacht der Russen abzuwehren. Der Schweizer Oberleutnant Thomas Legler stimmte inmitten der Kämpfe das Lied „Unser Leben gleicht der Reise“ an, das als „Beresinalied“ heute in der Schweiz allgemein als zweite Nationalhymne gilt. Die erbitterten Kämpfe verstummten erst bei Einbruch der Dunkelheit. Während am frühen Morgen des 29. November noch immer mehrere tausend Trossangehörige auf dem östlichen Ufer lagerten, zogen die letzten regulären Soldaten über das unheilvolle Wasser. Kurz darauf wurden die Übergänge auf Befehl Napoleons in Brand gesteckt, woraufhin sich die Schreckensszenen vom Vortag wiederholten und Tausende in Richtung der brennenden Brücken stürzten, die nunmehr ins Nichts führten.

          Eine brilliante militärische Leistung

          Als wenig später die russische Generalität an das östliche Ufer der Beresina ritt, erinnerte sich ein Hauptmann des Stabes: „Das erste, was wir sahen, war eine Frau, die zusammengebrochen und im Eis festgeklemmt war. Ein Arm war abgehackt und baumelte nur noch an einer Sehne, während sie in dem anderen einen Säugling hielt, der seiner Mutter die Arme um den Hals geschlungen hatte. Die Frau war noch am Leben und ihre ausdrucksstarken Augen hefteten sich auf einen Mann, der neben sie gefallen und schon erfroren war. Zwischen ihnen, auf dem Eis, lag ihr totes Kind. Ein Kosake erlöste sie von ihrer herzzerreißenden Qual, indem er ihr eine Pistole ans Ohr setzte und sie erschoss.“

          Der polnische Bestsellerautor Adam Zamoyski kommt in seinem unlängst erschienen Buch „1812“ zu dem Schluss: „Der Übergang über die Beresina war, welchen Maßstab man auch anlegen mag, eine brillante und heroische militärische Leistung.“ Doch welcher Preis musste für die „brillante militärische Leistung“ entrichtet werden? Als der Militärschriftsteller Jomini zehn Jahre nach dem Geschehen an die Beresina kam, berichtete er über seine Eindrücke:

          „Da wo die Fuhrwerksbrücke gestanden, die dreimal entzwei riß, war von dem Einsinken so vieler Wagen, Menschen und Pferde eine Insel entstanden, die den Strom in zwei Arme teilte. Drei moorige Hügel unterhalb dieser Insel waren ebenfalls seit jener Zeit aus zusammengetriebenen Menschenleichen entstanden. Es ragten noch menschliche Gebeine daraus hervor, aber sie prangten mit einer dichten Hülle von Vergissmeinnicht, eine grausige Zusammenstellung des zarten Blümchens mit jener furchtbaren Erinnerung.“

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