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Napoleon : Des Kaisers fließendes Verhängnis

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Laienschauspieler stellten am 24. November 2012 in der Nähe von Minsk die Schlacht an der Beresina nach. Sie legten dabei wert auf originalgetreue Uniformen und Waffen.

„Da erblickte man zwischen den mächtigen Eisschollen verzweifelte Mütter mit ihren Kindern auf den Armen, die sie schnell in die Höhe hoben, sowie sie selbst zu sinken begannen; und sogar als das Wasser sie schon verschlungen hatte, hielten sie noch die Kleinen mit den erstarrten Armen so hoch als möglich über ihren Häuptern empor. Man sah eine Mutter, die mit vielen anderen auf das Eis gedrängt wurde; dieses riß sich los, und auf einem Eisstück schwimmend, wurde sie fortgetrieben. Hoch hielt sie ihren Säugling empor und schrie fürchterlich, dass man ihr zu Hilfe kommen solle.“

Während sich dieses Inferno abspielte, gelang es den französischen Truppen und ihren Verbündeten - Polen, Badenern und Schweizern -, auf beiden Seiten der Beresina eine vierfache Übermacht der Russen abzuwehren. Der Schweizer Oberleutnant Thomas Legler stimmte inmitten der Kämpfe das Lied „Unser Leben gleicht der Reise“ an, das als „Beresinalied“ heute in der Schweiz allgemein als zweite Nationalhymne gilt. Die erbitterten Kämpfe verstummten erst bei Einbruch der Dunkelheit. Während am frühen Morgen des 29. November noch immer mehrere tausend Trossangehörige auf dem östlichen Ufer lagerten, zogen die letzten regulären Soldaten über das unheilvolle Wasser. Kurz darauf wurden die Übergänge auf Befehl Napoleons in Brand gesteckt, woraufhin sich die Schreckensszenen vom Vortag wiederholten und Tausende in Richtung der brennenden Brücken stürzten, die nunmehr ins Nichts führten.

Eine brilliante militärische Leistung

Als wenig später die russische Generalität an das östliche Ufer der Beresina ritt, erinnerte sich ein Hauptmann des Stabes: „Das erste, was wir sahen, war eine Frau, die zusammengebrochen und im Eis festgeklemmt war. Ein Arm war abgehackt und baumelte nur noch an einer Sehne, während sie in dem anderen einen Säugling hielt, der seiner Mutter die Arme um den Hals geschlungen hatte. Die Frau war noch am Leben und ihre ausdrucksstarken Augen hefteten sich auf einen Mann, der neben sie gefallen und schon erfroren war. Zwischen ihnen, auf dem Eis, lag ihr totes Kind. Ein Kosake erlöste sie von ihrer herzzerreißenden Qual, indem er ihr eine Pistole ans Ohr setzte und sie erschoss.“

Der polnische Bestsellerautor Adam Zamoyski kommt in seinem unlängst erschienen Buch „1812“ zu dem Schluss: „Der Übergang über die Beresina war, welchen Maßstab man auch anlegen mag, eine brillante und heroische militärische Leistung.“ Doch welcher Preis musste für die „brillante militärische Leistung“ entrichtet werden? Als der Militärschriftsteller Jomini zehn Jahre nach dem Geschehen an die Beresina kam, berichtete er über seine Eindrücke:

„Da wo die Fuhrwerksbrücke gestanden, die dreimal entzwei riß, war von dem Einsinken so vieler Wagen, Menschen und Pferde eine Insel entstanden, die den Strom in zwei Arme teilte. Drei moorige Hügel unterhalb dieser Insel waren ebenfalls seit jener Zeit aus zusammengetriebenen Menschenleichen entstanden. Es ragten noch menschliche Gebeine daraus hervor, aber sie prangten mit einer dichten Hülle von Vergissmeinnicht, eine grausige Zusammenstellung des zarten Blümchens mit jener furchtbaren Erinnerung.“

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