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: Nach dem Untergang des Abendlandes Die russischen Neoeurasier haben eine geopolitische Vision

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Unter der kaum aussprechbaren, aber dennoch populär gewordenen Bezeichnung "Neoeurasianismus" (neojewrazianstwo) hat sich in Rußland seit den mittleren neunziger Jahren ein neues politisches Denken durchgesetzt, ...

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          Unter der kaum aussprechbaren, aber dennoch populär gewordenen Bezeichnung "Neoeurasianismus" (neojewrazianstwo) hat sich in Rußland seit den mittleren neunziger Jahren ein neues politisches Denken durchgesetzt, das heute in vielen Parteiprogrammen und selbst in Regierungserklärungen zumindest als Spurenelement nachzuweisen ist. Sprecher und Organisator der neoeurasischen Bewegung ist der rastlos agierende Philosoph Alexander Dugin, von dem mehrere staatstheoretische und allgemein politikwissenschaftliche Werke vorliegen, der seine öffentliche Präsenz jedoch durch Fernsehauftritte, streitbare Interviews, publizistische Tageskommentare oder Grundsatzreden in der Duma markiert. Charakteristisch für den Neoeurasianismus insgesamt und für Dugin ist die Tatsache, daß die neue Lehre parteiübergreifend das ganze politische Spektrum von der extremen Rechten bis zur extremen Linken zu erfassen vermag, ausgenommen die liberale Mitte, deren Einstehen für Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte in neoeurasischer Optik als geradezu kriminelle Verirrung sich darstellt.

          Die absolute Heimat

          Zum Neoeurasianismus bekennen sich heute nicht nur einflußreiche Politiker, sondern auch viele angesehene Kulturschaffende, darunter der Kinoregisseur Nikita Michalkow und der kasachische Dichter Olshas Sulejmenow. Neoslawophile, Neofaschisten und Neostalinisten scheinen im politischen Horizont des Neoeurasianismus eine gemeinsame ideologische Heimat gefunden zu haben, dazu allerdings auch gemeinsame ideologische Feinde, zu denen neben den "Liberalen" auch so unterschiedliche Interessenträger wie die "Oligarchen", die "Freimaurer", die "Menschenrechtler", die "Westler", die "Kapitalisten" und, allen voran, die "Juden" gehören.

          Als Hauptwerk des neoeurasischen Denkens gilt Dugins tausendseitige Monographie über die "Grundlagen der Geopolitik", die seit 1996 in immer wieder neu konzipierten Editionen erscheint, ein autoritatives "Lehrbuch für alle Entscheidungsträger in den wichtigsten Sphären des rußländischen politischen Lebens", zugleich eine Rückschau auf frühere geopolitische Theoriebildungen und der Versuch, diese nun erstmals in eine "geopolitische Doktrin Rußlands" einzubringen. Diese Doktrin weist Rußland auf der Weltkarte die Schlüssellage zu, so daß auf deren Mittelachse Sibirien und der indische Subkontinent auf gleicher Breite zu liegen kommen und nicht, wie üblich, das westliche Europa zwischen Nordschweden und Süditalien.

          Dugins Lehre, die durch weitere Buchtitel wie "Die absolute Heimat", "Wege des Absoluten", "Mysterien Eurasiens" oder "Die russische Sache" repräsentiert ist, läuft nicht bloß auf die Kollision unvereinbarer Kulturen hinaus, sondern auf einen "unabwendbaren Großen Krieg der Kontinente, ein unaufhörliches Duell der Zivilisationen und deren tektonischen Zusammenprall" - West und Ost, Meer und Land, Atlantismus und Eurasiertum. Hier stehen sich Leviathan und Behemot in apokalyptischem Widerstreit gegenüber, und Rußland wird es letztlich beschieden sein, aus diesem Widerstreit als neue Weltmacht hervorzugehen: "Die Basis ist gelegt, die Grundprinzipien sind geklärt. Doch das ist erst der Anfang eines Weges, der uns nach der Logik der Dinge aus dem Abgrund zum Licht neuer russischer Himmelssphären und zum heiligen Fleisch der russischen Erde emporführen wird."

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