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Muslimische Kunst : Die „wahre“ Ästhetik des Islam

  • -Aktualisiert am

Fabelhaftes aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus: „Kalila und Dimna“, ein Sammlung arabischer Tiergeschichten, soll lehrreich und unterhaltend, humorvoll und kritisch zugleich sein. Bild: culture-images

Muss Kunst mit den religiösen Geboten des Islam im Einklang stehen? In Ägypten streiten orthodoxe und säkulare Muslime darüber, wie stark sich die Kunst moralisch engagieren sollte.

          3 Min.

          Lange vor den Revolutionen im arabischen Raum begannen konservative Muslime, gegen säkulare Kunstauffassungen zu Felde zu ziehen. Die palästinensische Hamas war eine der Ersten, die mit der Verherrlichung ihrer Selbstmordattentäter in Gedichten und Musikclips eine besonders radikale Form von „islamischer Kunst“ (fan islami) schufen. Ihr Beispiel wirkte offensichtlich nicht nur inspirierend. Es schreckte gleichzeitig gläubige Muslime ab, die nach angemessenen Kunstformen suchen, aber nicht auf Gewalt setzen. Die niederländische Anthropologin Karin van Nieuwkerk hat bei ihren Feldforschungen festgestellt, dass seit einigen Jahren besonders in der ägyptischen Diskussion der Terminus „fan islami“ in seiner militanten Auslegung von neueren und breiter gefassten Begriffen zunehmend verdrängt wird („Of Morals, Missions, and the Market: New Religiosity and ,Art with a Mission’ in Egypt“, in: Muslim Rap, Halal Soaps, and Revolutionary Theater. Artistic Developments in the Muslim World, hrsg. von Karin van Nieuwkerk, University of Texas Press, Austin 2011).

          Vor allem die Bezeichnung „fan hadif“ findet immer mehr Verbreitung. Die Autorin übersetzt diesen Ausdruck als „Kunst mit einer Mission“. Ebenso könnte man hier auch von engagierter Kunst im gesellschaftlich-moralischen Sinne sprechen, die mit religiösen Geboten im Einklang stehen muss. Auffälligerweise haben es mehrere Gesprächspartner der Anthropologin vermieden, obgleich sie fromme Muslime sind, diese Kunstauffassung als ausschließlich islamisch zu etikettieren. Zu ihnen gehört auch Nur al-Hada Saad, Herausgeberin der ägyptischen Familienzeitschrift „Al Zuhur“ (Blumen), die den Muslimbrüdern nahesteht. Die 1963 geborene Journalistin bestand darauf, dass eine als islamisch definierte Kunst nicht automatisch mit jenem moralischen Engagement einher gehen müsse, das aus ihrer Sicht das Wesen von „fan hadif“ ausmache.

          Kunst ist untrennbar mit Religion verflochten

          Jenseits solcher begrifflichen Feinheiten scheint es hier im Kern offensichtlich um eine religiös-islamische Gegenkultur zu gehen, die sich als Opposition zur westlich und säkular beeinflussten arabischen Unterhaltungskultur versteht. Letztere wird im Diskurs ihrer frommen Gegner als „niedere Kunst“ (fan habit) denunziert, deren verderbenden Einfluss zu bekämpfen sie entschlossen sind. Es könne nicht die Aufgabe von Kunst und Unterhaltung sein, mahnen sie, Unanständiges und Obszönes zu verbreiten. Vielmehr sollen sie moralische Orientierung bieten und zugleich auch dafür sorgen, dass die „wahre“ Ästhetik des Islam nicht durch „bigotte Muslime“ falsch ausgelegt würde. Dabei wird betont, dass Islam und Kunst von Anbeginn organisch miteinander verflochten waren. Man verweist ebenso auf die Pflicht, die Moschee als Ort der Schönheit zu gestalten, wie auf den Koran, der von gläubigen Muslimen auch als sprachliches Meisterwerk verehrt wird.

          Zitiert wird in diesem Zusammenhang häufig ein Hadith, in dem es heißt: „Gott ist schön, und er liebt die Schönheit.“ Darauf stützt sich auch der Glaube, dass im Islam ästhetischer Genuss untrennbar von religiöser Andacht sei. Der Genuss moralisch engagierter Kunst, so der populäre ägyptische Schauspieler Abdelaziz Makhyun, solle die Menschen motivieren, ihre Energie für gute Zwecke einzusetzen, statt sie mit den rein sinnlichen Freuden der „niederen Kunst“ nutzlos zu vergeuden.

          Verschleierungsdebatte auch in der Kunst

          Kritiker dieser Kunstauffassung wie der ägyptische Filmregisseur Daud Abdel Sayed verweisen gerne darauf, dass es sich bei dem Terminus „fan hadif“ keineswegs um eine Erfindung der Islamisten handelt. Schon in der Nasser-Ära sei dieser Begriff in Gebrauch gewesen. Kunst sollte damals das Modernisierungsversprechen des Regimes verbreiten helfen und für dessen soziale Reformprogramme werben. Seiner Ansicht nach hat die Kunst grundsätzlich weder die Aufgabe, moralisches Verhalten zu fördern, noch, sich gegen ein solches zu wenden. Sie soll lediglich durch Kreativität und Qualität überzeugen und so Freude bereiten.

          In dem von islamischen Kreisen propagierten Konzept des „fan hadif“ sieht der Filmautor nichts anderes als ein Missionierungsprojekt. Den diesem verpflichteten Kunst- und Unterhaltungsformen mangele es sowohl an Originalität wie an Professionalität, kritisiert Abdel Sayed stellvertretend für viele andere säkulare ägyptische Filmleute. Wie ihre religiösen Gegenspieler beteiligen auch sie sich am wachsenden Markt islamischer Historienfilme, bei deren Produktion es immer wieder zum Streit über die Aufmachung der Schauspielerinnen kommt. So weigerten sich säkulare Regisseure, ihre Darstellerinnen verschleiert auftreten zu lassen. Fromme Filmemacher hingegen, die auf der Verschleierung ihrer Filmheldinnen bestanden, ernteten nicht nur von säkularer Seite, sondern mitunter auch seitens konservativer Musliminnen Kritik. Etwa dann, wenn Schauspielerinnen in häuslichen Szenen im Kreis der eigenen Familie den Schleier trugen, wozu sie selbst nach strenger Auslegung islamischer Sitten nicht verpflichtet sind.

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