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Museums-Konzil : Die Kunsttempelherren

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Der Vatikan: Ort des Museum-Konzils Bild: dpa

Sonntäglicher Gemeinschaftsausflug statt Kirchgang: In Rom versammelten sich Museumsdirektoren aus aller Welt, um das Erbe der katholischen Volksmission in Anspruch zu nehmen.

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          1506 war ein gutes Jahr für den Vatikan. Im Januar wurde die bereits von Plinius dem Älteren gerühmte Laokoon-Gruppe wiederentdeckt. Im März erwarb Papst Julius II. das Meisterstück und ließ es im Belvedere-Hof aufstellen, wo es noch immer zu sehen ist. Im April legte Julius den Grundstein für den Neubau der Petersbasilika. Die Fundamente der kulturellen Topographie des Vatikanshügels bleiben bis heute mit dem Namen des Papstes verbunden, der sich als zweiter Caesar der Erneuerung Roms verschrieben hatte. Der gewaltige Sakralbau markiert das liturgische Zentrum der vielsprachigen Weltkirche, während im angrenzenden Universalmuseum, das aus der Belvedere-Sammlung hervorgegangen ist, den Heerscharen internationaler Touristen das „Evangelium des Schönen“ gepredigt wird.

          Die päpstliche Kunstpolitik war lange vorbildlich. Die im Rhythmus der Jahrhunderte immer stärker popularisierten Sammlungen sind ein europäischer Sehnsuchtsort und können aus der Tiefe kirchlicher Tradition schöpfen, wie sich zuletzt an der Wiederöffnung der Asien-Abteilungen des 1926 gegründeten Museo Missionario-Etnologico zeigte. Doch die Bewußtseinskrise der westlichen Welt läßt die Institution des Museums nicht unberührt. Wo werden die Akzente für die nächsten fünfzig Jahre gesetzt? Wie reagiert das Museum auf den gesellschaftlichen Wandel, auf Migration, demographische Umbrüche, die Kürzung staatlicher Mittel?

          Moderne Museumspolitik

          Anläßlich der vatikanischen Fünfhundertjahrfeiern kamen Museumsdirektoren aus vier Erdteilen in der Aula der päpstlichen Synode zusammen, um den globalen Herausforderungen ins Auge zu sehen. Die Präsenz der höchsten Repräsentanten der katholischen Christenheit unterstrich die Bedeutung, die man ihrer Mission im Vatikan beimißt. Neben Papst Benedikt XVI. ehrten auch sein Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und der Gouverneur der Vatikanstadt Giovanni Lajolo die internationalen Gäste durch ihre Gegenwart.

          Vier Grundsatzreferate umrissen das Feld, in dem sich Museumspolitik heute bewegen muß, um den gesellschaftlichen Anschluß nicht zu verlieren. Salvatore Settis (Pisa) rief zur Dekonstruktion des europäischen Klassizismus auf, der seine elitenbildende Funktion längst verloren hat. Das Fortleben jenes homogenisierten, erkalteten Antikenbildes, wie es sich nach dem Barock entwickelt hat, behindere die Einsicht in die Heterogenität der Kultur und damit die vitale Nutzung des kulturellen Erbes. Es gehöre zum notwendigen Wissen Europas um sich selbst, daß seine Identität konstruiert und grundsätzlich für den Dialog offen sei.

          Weltweite Reise von unbezahlbaren Schätzen

          Romila Thapar (Delhi) stellte dem europäischen Erinnerungsmodell der Klassik die These entgegen, daß keine Gesellschaft ohne Bezug zur Vergangenheit auskommt, trotz der kolonialen Annahme geschichtsloser Völker. Sie forderte auf, mit der Idee des Welterbes Ernst zu machen: Die westlichen Universalmuseen sollen ihre heute unbezahlbaren Schätze, die oftmals imperialen Ursprungs sind, weltweit reisen lassen.

          Hans Belting (Wien) blickte auf das Äquivalent des europäischen Klassizismus, das nicht minder historisch geworden ist: den Modernismus. Die lineare Kunstgeschichte der Abstraktion, wie sie im Museum of Modern Art und der New Yorker Guggenheim-Sammlung institutionalisiert ist, läßt sich von heute aus präzise ins zwanzigste Jahrhundert datieren. Belting präsentierte westliche Künstler, die gegen die Prägekraft dieser Konstruktion kämpfen. Ihnen stellte er Künstler aus der sogenannten Dritten Welt zur Seite, die sich weder ins Bezugssystem des Modernismus einordnen wollen noch als Produzenten ethnischer Objekte gelten.

          Das Museum als sozialer Ort

          Okwui Enwezor (San Francisco), künstlerischer Leiter der letzten Kasseler documenta, hielt den Kritikern seiner postmodernen Begrifflichkeit die zwingende Realität der neuesten Geschichte entgegen. Es sei absehbar, daß sich die Bedeutung der westlichen Gesellschaften im weltweiten Maßstab dramatisch verändere, so wie auch die ethnische Zusammensetzung der westlichen Großstädte unwiderruflichem Wandel unterliege. Diese Entwicklungen werden Folgen dafür haben, wie der Westen über sich nachdenkt und wie er sich in seinen Kultureinrichtungen präsentiert.

          Die Erfahrungsberichte der Museumsdirektoren belegten, daß der weltpolitische Geist der Theoretiker auf einer breiten empirischen Basis ruht. Kaum ein Vortrag war zu hören, der nicht um den sozialen Ort des Museums kreiste. Die Museen präsentierten sich als Motoren des urbanen Wandels und wirkmächtige Agenten in ihren Gemeinwesen. Die Guggenheim-Dependance in Bilbao nimmt für sich in Anspruch, der gesamten Stadt binnen eines Jahrzehnts ein neues Selbstgefühl und ökonomischen Aufschwung gebracht zu haben. Die Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, Wafaa El-Sediq, gewährt allen Ägyptern freien Eintritt, in der Hoffnung, daß sich der Stolz auf die Pharaonen als Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus erweisen möge.

          Marktplatz der Identitäten

          Die großen Museen der Hauptstädte erscheinen als probates Instrument, um die nationale Einheit gegen ethnische und religiöse Fliehkräfte zu behaupten. Mit einem sieben Kilometer langen Ausstellungsparcours lotet das Museo Nacional de Antropología in Mexiko City die historische Tiefe der vorspanischen Kulturen aus. Das Asian Civilisations Museum in Singapur wendet sich an die hybride Einwanderungsgesellschaft des Inselstaates, ohne bei der Qualität der Objekte und der Präsentation vom weltweiten Standard abweichen zu wollen. Im Louvre soll die Neugestaltung der Abteilung für Islamische Kunst, kräftig unterstützt durch das Mäzenatentum eines saudischen Prinzen, transparent machen, was in der Formelsprache der Interkulturpolitik der Beitrag des Islams zur französischen Gesellschaft heißt.

          Museen sind ein Marktplatz der Identitäten und untergraben häufig im Zuge der Tauschgeschäfte die staatlichen Vorgaben. Das Istanbuler Topkapi-Museum, so Direktor Ilber Ortayli, dient nicht dem Türkentum im engeren Sinn, sondern versammelt das zersplitterte Erbe des einstmals größeren, osmanischen Territoriums. Neil MacGregor, Direktor des Britischen Museums, nahm für sein Haus in Anspruch, traditionell dem freien Diskurs der Bürger über die prekären Fragen des Glaubens ein Obdach zu bieten.

          Universalmuseum für eine dynamische Gesellschaft

          William Thorsell (Royal Ontario Museum, Toronto) sagt voraus, daß unter den traditionellen Räumen des westlichen Bürgertums vor allem Oper und Kirche ihre Funktion einbüßen werden. Das Universalmuseum habe dagegen die Chance, sich als Agora einer dynamischen Gesellschaft zu bewähren, ein bißchen Lifestyle gerne eingeschlossen. Das Detroit Institute of Art hat sich unter der ungünstigen Voraussetzung des Verschwindens der innerstädtischen Mittelschicht nach den Rassenunruhen von 1967 sein Publikum erkämpft.

          Der selbstbewußte Glaube der Museumsdirektoren wie ihrer Geldgeber an die Kraft der Kultur und damit an den Sinn und die Funktion ihrer Institute war das eigentliche Wunder der Tagung. Daß die meisten ihr Publikum ernst nehmen, selbst wenn es in Massen auftritt, markierte den Berührungspunkt zur Kunstdoktrin der katholischen Kirche, die den Menschen in seiner Universalität und Bestimmung zur Transzendenz ansprechen will. Der theologischen Lehrstunde, mit der Kardinal Bertone die Tagung eröffnet hatte, steht das gerade in Deutschland verbreitete Bündnis aus Kulturpessimismus und einem eng ausgelegten Begriff von Autonomie entgegen, das ein Grund für die grassierende kulturpolitische Visionsarmut ist.

          Die Direktoren beugten zu Recht ihr Knie vor Benedikt XVI. als einem Verbündeten. 2010 wollen sie nach Peking reisen, wozu der Direktor des dortigen, rasch expandierenden Nationalen Kunstmuseums eingeladen hat. Bis dahin trinken wir heiße Schokolade im Wiener Museumsquartier.

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