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Modewörter der Wissenschaft : Das Spannende

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"Sozial konstruiert" ist in der akademischen Welt vieles, neuerdings auch "erfunden". Ein Essay über aktuelle Diskursmoden und Reizwörter.

          3 Min.

          Wenn man es schon gar nicht mehr erwartet, dann passiert es doch noch. Dass Begriffe oder Wörter sich verabschieden, die man sorgfältig vermieden hat. Was nicht leicht ist, denn das gebrandmarkte Wort brennt in uns natürlich nur darauf, freigelassen zu werden, auch gegen unseren Willen. Ein Beispiel: Es gibt im Leben eines jeden seriösen Forschers den Moment, da er Michel Foucault recht geben muss. In kleinen Dingen meist, aber immerhin. Einem Kollegen geschah es, dass er in einem Seminar über Raumfragen Foucault total demoliert hatte und einen Tag später mit denselben Studenten in Bremen auf den Wallanlagen stand und im Blick auf dieses merkwürdige Naturimplantat im urbanen Gewebe, angesichts von Schwanenteich und Windmühle sich nicht mehr helfen konnte und einfach sagen musste: Das ist eine Heterotopie.

          Wir begleiten aber im Moment einen anderen Begriff hinaus. Nicht das Wort „spannend“, um etwaige Hoffnungen gleich zu enttäuschen. Dem prophezeien wir ein langes Leben, denn noch steigt es immer weiter auf: aus der Sphäre des Smalltalks auf Kongressen oder am Institutskopierer in die veröffentlichte Buchkritik: „Abgesehen davon, dass die hier versammelten Aufsätze sehr lesenswert, teilweise auch spannend sind . . .“, und wenn es so weitergeht, dann hat sich das virusartige Wort auch in unseren Haupttexten festgesetzt. Spannend an „spannend“ finden wir eigentlich nur zwei Fragen: Warum es sich bei der weiblichen Akademikerschaft einer so viel höheren Beliebtheit erfreut als bei der männlichen und was nach spannend kommt und ob wir das noch erleben?

          Ganz schön intensiv

          Ein vergleichbar steiler Superlativ war einmal, in den historischen Zeiten der fünfziger und sechziger Jahre, „intensiv“. Intensiv ist dann abgewandert in den Therapie-Bereich („Bauch, Beine, Po intensiv“), der zusammen mit dem Unterhaltungssektor, welcher das Wort „spannend“ gespendet hat, ein großes fruchtbares Biotop darstellt, in das solche Wörter zurückkehren, um sich zu restaurieren und die Kraft zu laden, die sie brauchen, um uns erneut zu nerven.

          Aus dem Wortfeld „intensiv“ taucht nun immer häufiger der Begriff Intensität auf. „Intensitäten des Öffentlichen“ hieß eine Veranstaltung, die kürzlich in der Gebläsehalle in Duisburg stattfand, und die Vorlesungsreihe „Intensitäten“ der Universität Potsdam stellt mit Themen wie „Fußball als Leidenschaft: die WM, Costa Rica und die Kulturwissenschaften“ unter Beweis, dass Intensität und Spannung nahe beieinander liegen (auch etymologisch) und vor allem, dass größere Umorientierungen auf den Gebieten Methode und Inhalt überhaupt nicht erforderlich sind.

          Es könnte übrigens sein, dass das Wortfeld „intensiv“ gar nicht im Gesundheits-, Sport- und Fitness-Sektor warm gehalten wurde, sondern als Bastard aus dem aktuellen Flirt der Geisteswissenschaften mit den Naturwissenschaften hervorgegangen ist. Ist das der Fall, dann können wir uns darauf gefasst machen, dass ein weiterer Begriff aus diesem terminologischen Spektrum falsch verwendet wird. Dass Quantensprung in der Physik so ziemlich genau das Gegenteil von dem bedeutet, was vor allem Politiker („kostenlose Kita-Plätze sind Quantensprung“) darunter verstehen, das ist oft, aber folgenlos gesagt worden. Bei Intensität verhält es sich so, dass der schicke Terminus in der Physik dummerweise nicht das bedeutet, was man automatisch vermutet: Größe, Stärke, Wirksamkeit, sondern einen Energiefluss, genauer, die Energie pro Zeit pro Fläche.

          The socal construction of what?

          Also noch einmal: Welcher Begriff soll das sein, der nur noch matt blinkt? „Konstruktion“, gesteigert: „soziale Konstruktion“ hat unserer Wahrnehmung nach eindeutig den lange gehaltenen Zenith überschritten. Zwei Gründe bieten sich an. Erstens zeigen sich die Passiv-Nutzer konstruktivistischer Arbeiten zunehmend mit deren defizitären Anspruchs-Leistungs-Verhältnis unzufrieden. Die Herausforderung, Menschenwerk als Menschenwerk zu enttarnen, rechtfertigt nicht den intransigenten Ton, die bräsige Unfehlbarkeit von Arbeiten, die schon im Titel (The social construction of . . .) das Ergebnis vorwegnehmen und etwaige Einwände gleich ersticken. Kein Wunder, wenn der Neodarwinismus, eine noch größere Plage, sein klobiges Haupt immer kecker erhebt.

          Dass Konstruktion schwächelt, hat aber vor allem seinen Grund darin, dass der Begriff zunehmend gegen das leichtere „Erfindung“ ausgetauscht wird. Was hat man in letzter Zeit nicht alles erfunden oder als erfunden konstruiert? Das Ich, die Liebe, die Gegenwartskunst, der Himmel, Indien, der Literaturbetrieb, der Blick, das Unbekannte, die Stadt, die Sommerfrische, die amerikanische Malerei . . . Unser Lieblingstitel auf dieser Liste: „Wachgeküsst. Die Erfindung Dortmunds im 19. Jahrhundert“. Erfindung ist ein weicheres Wort als Konstruktion. Es bewahrt dessen dogmatischen Kern (Alles ist gemacht, nichts geworden; alles ist erfunden, nichts wurde entdeckt), aber es unterhält zugleich intensive und therapeutisch wirksame Beziehungen zu Schlüsselbegriffen wie Kreativität. Wie dünn der Überzug des neuen „Soft Constructivism“ jedoch noch ist, das machte der „Spiegel“ vor kurzem ungewollt deutlich: „Die Erfindung der Deutschen“ titelte er und bewies dann mit der Unterzeile, dass er nichts verstanden hatte. Sie lautete und hätte so auch im neunzehnten Jahrhundert lauten können: „Wie wir wurden, was wir sind.“ Wolfgang Kemp

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