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: Mit Orientalen

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Ein großer Teil der Forschung zum Ersten Weltkrieg beschränkt sich weiterhin auf Europa. Und bis heute findet das Faktum, dass über anderthalb Millionen indische Soldaten für Großbritannien auf den Schlachtfeldern Europas kämpften, kaum eine Erwähnung.

          Ein großer Teil der Forschung zum Ersten Weltkrieg beschränkt sich weiterhin auf Europa. Und bis heute findet das Faktum, dass über anderthalb Millionen indische Soldaten für Großbritannien auf den Schlachtfeldern Europas kämpften, kaum eine Erwähnung. Eine von Dominic Sachsenmeier und Sebastian Conrad unlängst an der Duke University in North Carolina organisierte Tagung widmete sich hingegen globalen Perspektiven auf die Urkatastrophe des Jahrhunderts.

          Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte auf der Versailler Friedenskonferenz zwar das Selbstbestimmungsrecht der Völker betont, doch nirgendwo folgte daraus schon die Unabhängigkeit von Kolonien. Der neugeschaffene Völkerbund drückte den Paternalismus der Großmächte eindrucksvoll aus. In Artikel 22 seiner Satzung war von der heiligen Verpflichtung der zivilisierten Völker die Rede, welche die Verantwortung für die außereuropäische Welt übernehmen sollten, deren Völker "unter den anstrengenden Bedingungen der modernen Welt zur Selbständigkeit noch nicht fähig sind".

          Gleichwohl waren sich die meisten Teilnehmer darin einig, den Ersten Weltkrieg als gewichtige Zäsur zu bezeichnen, die das Verhältnis nichtwestlicher Eliten zu Europa und der westlichen Moderne nachhaltig erschüttert habe. Das Vertrauen in die emanzipatorischen Wirkungen der europäischen Zivilisierungsmission, das machten etwa Sachsenmeier sowie Cemil Aydin (Charlotte) an Beispielen aus China, Japan und der Türkei deutlich, gerieten unter dem Eindruck des selbstzerstörerischen Gemetzels auf den europäischen Schlachtfeldern und der destruktiven Wendung der Utopien eines materiellen Fortschritts ins Wanken. Aber auch internationale Geistesgrößen wie die Nobelpreisträger Romain Rolland und Rabindranath Tagore deuteten den Ersten Weltkrieg als Katastrophe der westlichen Zivilisation, die nun durch andere Traditionen gemildert werden müsse.

          Aydin betonte jedoch, dass die kritische Auseinandersetzung mit Europa nicht erst 1918 einsetzte. Das Erwachen des Ostens war weit früher zu spüren. Vor allem die Verbreitung des biologistischen Rassedenkens Ende des neunzehnten Jahrhunderts sorgte unter asiatischen und osmanischen Geistern für Ernüchterung gegenüber einer Modernisierung nach westlichem Vorbild. Der Sieg der Japaner im Russisch-Japanischen Krieg 1905 stellte, so Aydin, einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des asiatischen Antikolonialismus dar, denn nun schienen europäische Vorurteile von die Unterlegenheit der "gelben Rassen" ad absurdum geführt worden zu sein.

          Die Oktoberrevolution 1917 und die zwei Jahre darauf folgende Gründung der Kommunistischen Internationale brachten antikolonialen Bewegungen wichtige Impulse. Die Komintern bemühte sich mit Nachdruck, insgesamt aber vergleichsweise wenig Erfolg, Befreiungsbewegungen in den Kolonien zu unterstützen, um die westlichen Kolonialmächte zu schwächen. Gleichwohl zeigten sich zahlreiche asiatische und afrikanische Intellektuelle vom Kommunismus fasziniert. Zu ihnen gehörte der indische Nationalist Manabrendra N. Roy, dessen Aktivitäten Kris Manjapra (Harvard) in seinem beeindruckenden Referat nachzeichnete.

          Roy verbrachte die zwanziger Jahre in Berlin, wo er sich im kommunistischen Milieu bewegte und enge Kontakte unter anderem zu August Thalheimer pflegte. Er publizierte Bücher zu China und Indien und versuchte von Deutschland aus den Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft in Südasien mitzugestalten. Roys Einstellung gegenüber der Sowjetunion wurde im Laufe der Jahre kritischer. In seinen Augen war das Land dabei, selbst eine neoimperiale Macht zu werden. Die Führung der Komintern schien an konkreten Entwicklungen und Problemen des antikolonialen Kampfes in China und Indien kaum interessiert, verlangte aber von den Kommunisten weltweit strikte Einhaltung der ultralinken Vorgaben. Überdies missfiel Roy der verbreitete "Orientalismus" in vielen kommunistischen Schriften, in denen etwa die ausbleibende Revolution in China der "kolonialen Rückständigkeit" der Aktivisten zugeschrieben wurde.

          Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sah nicht nur die wachsende Bedeutung des Kommunismus im kolonialen Kontext, sondern auch die Einrichtung einer vermeintlich liberalen Institution in kolonialen Fragen, des Völkerbundes. Die ehemaligen Kolonien des deutschen und des osmanischen Reiches wurden nun als Mandatsgebiete unter Aufsicht des Völkerbundes verwaltet. Die Einrichtung mit Sitz in Genf erwies sich weitgehend jedoch, wie die Ausführungen von Susan Pedersen (New York) nahelegten, als zahnloser Wachhund, der die Kolonialpolitik der Großmächte weder korrigieren konnte noch wollte. Dennoch, so Pedersen, sollte der Einfluss des Völkerbundes auf die Entkolonialisierung nicht völlig vernachlässigt werden. Die Mandatskommission habe eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit für koloniale Fragen geschaffen, der sich die Kolonialmächte stellen mussten. Von der Selbstbestimmung der Völker freilich hielt man in Genf noch nicht viel. Der Zweite Weltkrieg sollte dann jedoch das Ende der Kolonialreiche in einem Tempo einleiten, das sich in den dreißiger Jahren nicht einmal die größten Pessimisten unter den Kolonialpolitikern auszumalen vermochten. ANDREAS ECKERT

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